Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 6/7 - Juni/Juli (6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 82 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Novelle, die volt von großer Kraft, von harter Gerechtigkeit und von vortrefflicher Wahrheit im ganzen und im einzelnen ist. Der fromme, rechtschaffene Geist der Dichterin richtet die herzen auf. Sie zeigt den Finger .Qottes in dem Geschehen auf, der nach Jahren rächend den Mörder zur Buße und zum schaurigen Selbstgerichte treibt. Sie, die Dichterin, zeigt auf, wie das Vorurteil des Volkes gegen die Juden, das noch gar nicht feindlich und n<cht absichtlich haßerfüllt ist, sondern eben ein Vorurteil ist, den Keim zur späteren gräßlichen Bluttat in das Gemüt des, Knaben Friedrich Mergel sät." Und sie zeigt mit, einer bewundernswerten dichterischen Kraft, wie eine Verwicklung und Verstrickung von schwachem Charakter, erblichem Hang zum Leichtsinn, überkommene Vererbung, soziale.Not, Schuld und Schicksal eine Kette schmieden, die den schwachen, vaterlosen Knaben umfängt und ihn bis zum 'Verbrechen zwingt. _ ln einigen markigen Strichen wird däs Vorurteil des Volkes gemalt:- »Friedricfji kam scheu heran; die Mutter (. . . nach dem Tode ihres Gatten) -war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen.« »Fritzcheri«, sagte sje, »willst du jetzt auch fromm.sein, daß ich Freude an dir habe, oder willst au unartig sein und lügen, oder saufen oder stehlen?« ~ »Mutter, Hülsmeier stiehlt.« »Hülsmeier? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? Wer sagt dir so schlechtes Zeug?« »Cr hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.« ■' »Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte1Jude gewiß zuvor daru m betrogen.' Hülsmeier ist ein ordentlicher, angesehener'Mann und die Juden sind alle Schelme.« r »Aber, Mutter, Brandes sagt auch, daß er Holz und Rehe stiehlt!« *. »Kind, Brandes ist ein Förster.« »Mutter, lügen die Förster?« — — •— — Man sieht, die gute Frau und Mutter will ihr Kind erziehen zum Guten, aber sie ist voll de^ Vorurteils des Volkes gegen Juden. Das Kind muß annehmen, daß alle Juden Betrüger und Schelme sind .. .1 So greift Schuld und absichtsloses Vorurteil schon ein. Demgegenüber ist der Dichterin die Gestalt des später durch Friedrich ermordeten i Juden Aaron nur ein auslösendes Moment, dem sie scheinbar nicht mehr Beachtung schenkt. Aber grandios und dräuend erhebt sich, in den Augen der Dichterin und auch beim Leser das'Sinnbild der. verletztem Gerechtigkeit, die Trauer der jüdischen Gattin des ermordeten Aaron mit ihrem Schrei nach Gerechtigkeit und die Gemeinschaft der Juden, die unheimlich und den anderen nicht verständlich, die Buche, unter der der ungesühnte Mord geschah, um große Summen ankauft, j— ». .. Als alles vergebens war und die gerichtliche Verhandlung für beendet erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter' der Aarons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt werden war. , , »Wollt ihr sie fällen, so mitten i.m vollen Laube?« fragte der Gutsherr.! »Nein, Ihro Gnaden, sie muß stehen bleiben im. Winter und Sommer, so lange ein Späh daran ist!« ‘ i »Aber, wenn ich nun den Wald hauen) lasse, so schadet es dem jungen (Aufschlag.« »Wollen wir sie doch nicht um gewöhn-« liehen Preis.« Sie boten zweihundert Thaler. Der Handel ward geschlossen und allen Förstern streng eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise’zu schädigen. |. * Darauf sah ma|i an einem Abende wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Augen'. Sie blieben über eine. Stunde ' im Wälde und kehrten dann ebenso" ernst und feierlich zurück durch das Dorf B. bis in [das Zellerfeld, zers? reuten und | jeder seines an der Euche hebräische Inschrift< einwo sie sich Weges^ ging. Am nächsten Margen stand mit dem Beil eine gehauen.« 1 Nach Jahren — er hat die Rolle eines Doppelgängers gespielt als er aus türkischer Gefangenschaft heimkehrt, zieht es Friedrich Mergel unwiderstehlich zu der Judenbuche hin. Dort hat er sich, am Orte, wo er den Juden erschlug, an der Judenbuche erhängt! — Die hebräischen Worte, auf der Judenbuche eingehauen und mitwachsend mit dem Baume, haben dasvoll- — 82 —