Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 6/7 - Juni/Juli (6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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den Elementen der jüdischen Seele einen neuen Mythus zu schaffen, intuitiv und nicht in der Retorte künstlich, gebildet, — ich bezweifele, daß der moderne Mensch naiv genug ist, um in Anknüpfung an primitive, längst abgestorbene Kulthandlungen ein lebendiges Mysteriitfn hervorzubringen — so werden doch sicherlich sehr viele Brüder unseres Ordens es gefühlsmäßig ablehnen, diesen Weg zu beschreiten. Es brauchen dies, wie ich vorstehend gezeigt zu haben glaube, gar nicht einmal unbelehrbare Rationalisten zu sein. Eins dürfte jedenfalls feststehen und müßte auch die reformfreudigen Brüder zum Nachdenken veranlassen: Mystische Romantik hat die Menschheit noch niemals wahrhaft gefördert. Sie hat die Köpfe vielleicht vorübergehend mit dem Weihrauch einer kurzlebigen Ekstase umnebelt, ist aber stets sehr schnell zu ärgerlichem Formenkult erstarrt. Die schöpferischen Leistungen wenigstens unserer europäischen Kultur sind auf anderem Boden erwachsen. Die Qöttliche Komödie Dantes, die Gemälde eines Rembrandt, die Beethoven sehen Sinfonieen sind Schöpfungen, die bei aller Beseelung von innen heraus dem klaren Lichte des Oeistes und nicht romantisch versunkenen Hirnen entsprungen sind. Auch die Geschichte unsrer Vorfahren lehrt das Gleiche. Im Gegensätze tu den Völkern ringsum enthüllte Moses seinem Stämme die Existenz des einen, einzigen Gottes, verbot, ein Bild von ihm zu machen und schuf, frei von Symbol und-Mystik die reine Religion, welche ohne Mittler, ohne' Kultgegenstände, von Herz zu Herzen, von Oelst zu Oeist, von Seele zu Seele die Menschen mit ihrem Gotte vereinte. Wir Juden haben k$ine Götterbilder, keinen Priesterstand, keine Heiligtümer außer dem einen, der Thora, der Lehre. Wir waren und sind das Volk des Buches. Sind es geblieben im Gegensatz zum Christentum, ' dessen Ursprünge die heutige Wissenschaft auf Mysterienkulte zurückführen zu müssen glaubt. Die Höchstleistungen jüdischer Kultür beruhen auf der Synthese von Geist und Seele, mag es sich um die Psalmen und Sprüche1 der Bibel, die Reden der Propheten oder die.Schöpfungen des Talmud handeln. Kabbala und Chassidismus sind letzten Endes nur Ausnahmeerscheinungen und keineswegs Gipfelpunkte jüdischen Schaffens. . 1 Auch Deutschlands größter Dichter, selbst ein überzeugter Freimaurer, läßt seihen Faust, nachdem er sich der Magie ergeben und alle Höhen und Tiefen der Menschheit geschaut hat, seines Lebens höchsten Augenblick in der befreienden Tat für 'seine Mitmenschen erleben. Darum wollen auch wir im Zusammenwirken von Tat und Oeist in unmittelbarer lebendiger Wechselbeziehung unter Ablehnung aller, künstlichen Belebungsmittel das Ziel unseres Bundes zu erreichen streben, nach außen unverändert, , innerlich geläutert und befeuert von ^len Ideen \ unsrer Zeit, unter def bewährten Deviäe: W. B. und E. j „Die Judenbuche“. Ein Gedenkblatt zum 80. Todestage von Annette Freiin von Droste-Hülsjhoff am 25. Mai 1848.! Es sind achtzig Jahre her, seit die bescheidene und edle» Dichterin, das Prototyp einer frommen, deutschen Frauengestalt, das Vorbild und die Krone einer ganzen Generation von weiblichen Lyrikerinnen, ins Orab gesenkt wurde. Was mich hier bewegt, das Bild der Dichterin wieder aufzufrischen, ist nicht etwa die fromme Zuflucht eines religiösen Gemüts zu Gott im »Geistlichen Jahr* — sie war Katholikin — und religiöse Dichter sind nicht das Interesse unserer Zeit. Es gibt da auch größere Sänger! Ich will auch nicht das echtere und größere Lob der kraftvollen Dichterin auf dem Oebiete außerordentlich gewaltiger Naturschilderungen, die ihr in ihren Balladen, dann in ihrem Zyklus »Haidebilder«, dann »Fels, Wald und See« und zum Teil in ihren »Erzählenden Oedichten« gelungen sind,j hier erneuern. Und selbst die rührende Schilderung des Weibesschicksals, z. B. in dem bekannten reinen Oedichte »Die beschränkte Frau«, dann »Die junge Mutter« ruft mich nicht zur neuen Würdigung auf. Aber auf ihr stärkstes und nach allen Richtungen eigenartigstes Prosawerk: »Die Judenbuche«, will ich gerade hier das Licht unserer Betrachtung lenken! Aus mehreren Oründen. -Viel genannt und viel gelobt, ist das Werk zum großen Teil unserer Zeit doch so sehr ent- 80 —!