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Der Orden Bne Briss · 1928-04-01 · Nr. 4 - April (4.1928) · p. Seite 54

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1928
Issue
Nr. 4 - April (4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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liehen Bedeutung des Verfassers, sodann weil Freud Jude ist, also aus dem klassischen Land der Religion kommt und endlich, weil hier der uralte Streit zwischen Wissenschaft und Glauben von neuem anhebt. Denn darum geht es. Freud geht von einer allgemeinen Beurteilung d|er Kultur aus. Er findet, daß sie etwas ist, »was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderheit auferFegt wurde«. Ohne »Zwang upd Trieb verzieht« ist kein Fortschritt möglich, auch nicht ohne »Beherrschung der Mässe durch eine Minderzahl«. An diesem Zustand wird sich wahrscheinlich nichts ändern, denn die Mehrheit der Menschen ist asozial und'wird es bleiben. So ist denn, wie schon immer,* auch heute noch eine Reihe von Verboten für die Menschen notwendig. Denn mit jedem kifid werden uralte Triebwönsche von neuem geboren: Inzest, Kannibalismus und Mordlust.« Freilich zeigen gerade diese drei, daß die Seele eine Entwicklung durchgemacht hat. Nur einem kleinen Teil der Menschen sind jene^alten Triebwünsche Hoch wesentlich. Das Ich ist vom »Ueberich« Überwunden. Schlimmer freilich sieht es dort aus, wo »Habgier, sexuelle Gelüste, Lüge, Betrug,, Verleumdung« in Frage kommen. Hier ist es nur der Zwang und die Furcht vor Entdeckung, die die Immoralitat eindämmt. Die Feindseligkeit gegen die Kultur, die sich in der Auflehnung gegen Verbote ausdrückt, hängt bei einem großen Kreis freilich damit zusammen, daß er an den Gütern der Kultur keinen Anteil hiat. Man sucht sieb Ersatz für diese Zurücksetzung, soweit man ein moralischer Mensch bleiben will, in der Verachtung der andern, in der. Kunst und in der Religion. Worin liegt aber der besondere, Wert der religiösen Vorstellungen? fragt Freud. Er verweist auf den Druck der Verbote und den Wunsch, sie beseitigen zu können, auf die Schrecken der Natur, auf den Tod, auf die Leiden durch Menschen und die Leiden durch. Schicksal. Man will , sich trösten, will Schrecken beseitigen, will .Neugierde befriedigen. Man .vermenschlicht die Natur, gibt den Kräften einen Willen, den man »beschwören, beschwichtigen, bestechen« kann. Man gibt den Kräften »Vatercharakter«, d. h. den Charakter des Mannes, den mari fürchten muß, def Uns aber .auch schützt. Allmählich erkennt man die Gesetzmäßigkeit der Natur, fühlt sich erst recht abhängig, schreibt aber auch den Kulturvorschriften göttlichen Ursprung zu. .So schützt man sich einerseits und erkennt andererseits, wird dem ichen stolz ,ti seine Vordaß das Leben einem höheren Zwecke dient. »Der Tod selbst ist keine Vernichtung. Alles Gute findet endlich seinen Lohn; alles Böse seine Strafe.« Aus den göttlichen Wesen allmählich der eine Gott. »Das Volk, zuerst solche Konzentrierung der gött Eigenschaften gelang, war nicht wenig auf diesen Fortschritt.« Nun wollte man freilich auch belohnt sein, man wurde »das auserwählte Volk«, Was sind aber, fragt Freud weiter, diese Vorstellungen im Lichte de-Psychologie, was ist ihr wirklicher Wert? Um Einwände vorweg zu nehmen, bedient er sich nunmehr Öfter des Dialogs. Aber es ist klar, daß die Einwände nur aus seiner ei genen Einstellung heraus erfolgen. Er verteidigt j Behauptung, daß die Kultur religiöse'* Stellungen schafft wie Anordnungen übejr den Arbeitsvertrag. Religiöse Offenbarungen gibt es nicht. Er verweist auch auf sein; Buch »Totem und Tabu« und stellt fest, daß er dort nur von einem Totemismus, nicht von! Religionen gesprochen habe. Aber es besteht ein Zusammenhang zwischen dem infantilen Sohn- Vaterverhältnis als Wurzel des religiöse^ Bedürfnisses und dem Bedürfnis nach Schujz des Erwachsenen vor seinem Vater-Oott. Worauf gründen sich aber eigentlich die / religiösen Lehren?; Unsere Väter haben sie geglaubt. Aber diese waren ja unwissender als wir. Wir haben Schriften. Aber deren Echtheit . wird bezweifelt. Man soll überhaupt nicht nachi; Gründen fragen. Aber zeigt das nicht, daß die Gesellschaft die Unsicherheit des Anspruchs sehr wohl kennt? Das credo quia absurdum ist ein »Machtspruch ohne Verbindlichkeit.* »Es gibt keine Instanz über der Vernunft.« Ein inneres Erlebnis haben nicht alle. Und .die Philosophie des Als ob, die die religiösen Lehren aus praktischen Motiven als Fiktionen bestehen lassen will, ist von dem credo ... nicht weit entfernt. Sind aber die religiösen Lehren; gegen die Vernunft, welchem Umstand verdanken sie ihre Wirksamkeit? Sie sind eben »Illusionen«, Erfüllungen der dringendsten Wünsche, j »Das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärkei dieser Wünsche.« Illusion ist nicht mit Irrtum jzu verwechseln, sie muß nicht mit der Realität im Widerspruch stehen. Bei der religiösen Illusion freilich ist es so. Sie ist unbeweisbar und der Wahnidee zu vergleichen. Illusion ist es, von Intuition Kenntnisse von der Realität außer uns zu erwarten. Gewiß, zum Unglauben kann niemand gezwungen werden. Aber korrektes ■x — 54- —

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