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Der Orden Bne Briss · 1928-04-01 · Nr. 4 - April (4.1928) · p. Seite 52

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1928
Issue
Nr. 4 - April (4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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sein Gebiet. Sie überließ er den Andern und benutzte ihre Ergebnisse. Die Arbeit und Aufgabe der Philosophie sah er darin, Rechenschaft abzulegen von den Ideen, Prinzipien, Grundlegungen der Kultur. Hier stand er auf den Schultern Platos und Kants, von denen er immer ausging und über die'er immer hinausdachte. Das ist sein Idealismus, der die Ideen der Wahrheit, Sittlichkeit und Schönheit, ihre ewige Geltung, und ihre notwendige Macht über den Menschen auf neue Grundlagen stellte. Der Mittelpunkt aller Ideen aber ist das Gute, rein um seiner selbst willen geübt und erwachsend aus det Selbstbestimmung des Menschen, der sein eigener Gesetzgeber ist. Das ist sittliche Autonomie, die das Wesen des Menschen bedeutet. Ethische Kultur zu erzeugen: Sinn des Menschentums. Sittlichkeit ist nichts Gegebenes, sondern Aufgegebenes, ist Aufgabe, . nicht fest und fertig geregeltes Verhalten. Aber der Mensch erhält seine Würde und seinen Wert nur durch die Gemeinschaft , und im letzten Grunde durch die umfassende Menschheitsidee, die im Staat verwirklicht werden soll. Daraus folgt, daß Sittlichkeit nur Eine ist, weil die Menschheit eine Einheit ist. Allein gibt es nicht eine seelische Sphäre, die religiöse, die der Ethik ihre Allgewalt streitig .macht? Ist überhaupt' der ganze Umkreis der Kultur durch die Ideen der Wahrheit; Sittlichkeit und Schönheit umschrieben? Wo bleibt der Anspruch der Religion, die das ganze Leben und vornehmlich das Moralische in ihre Obhut nehmen will und immer genommen hat? Hier ist der Punkt, an dem das Judentum im Wesen Hermann Cohens zum Durchbruch,kommt. Er weicht dem Problem nicht aus. Sein unerbittlicher Wahrheitssinn läßt ihn nicht zur Ruhe kommen, bis er das rechte Verhältnis zum Prinzip der Religion gewonnen hat. Er ringt um Religipn, weil in seinem jüdischen Sein diese Macht die Wurzel des Menschentums ist. So wird Gott die Krönung seines ethischen Systems. Er übernimmt die Bürgschaft für die Verwirklichung der Sittlichkeit." Ethik ohne; Gott kann eine wertvolle Idee sein; damit ist aber die unbedingte Notwendigkeit ihrer Realisierung noch nicht gegeben. Die Gottheit jedoch als das vollendete Ideal des Guten ist. die Oewähr dafür, daß der Sieg des Guten in der Menschheit sicher ist. Freilich darf kein Mythos, der immer die Verkörperlichung Gottes in sich schließt, die Reinheit, Einzigkeit und Geistigkeit der . Gottesidee trüben, kein Pantheismus die höchste sittliche Persönlichkeit in die Welt herabziehjen. So verkündet Gott nur, was gut ist, er ist das nachzüahmende Urbild für die eine Menschheit. Diese Gedanken haben auch die größten religiösen und ethischen Genies, die Propheten Israels, ausgesprochen. In ihren Ideen sieht Cohen die absolute Religion als Kultuifaktor der Menschheit: die Lehre vondem einzigen heiligen Gott, der geheiligt wird durch Gerechtigkeit, soziale Ethik in Gesinnung und Jat, Universalismus der Sittlichkeit in der Anerkennung der einen Menschheit in dem Gedanken des Messianismus, den ethischen Optimismus. in dem Vertrauen auf die allmähliche Hönenentwicklung des Menschen und der Völker. | Es ist eine höchste seelische Erhebung, die Deutung dieser Grundlagen des Judentums in ihrer Tiefe und Allseitigkeit bei Cohen mitzuerleben. Es ist aber ein einzigartiges Schauspiel zu selten, wie Utyser Denker dieses Judentum in das System der Philosophie eingefügt und mit den Prinzipien der Ethik verankert hat. Diese Entwicklung Cohens hat mancher nichtjüdische Philosoph nicht verstanden und' hat sich enttäuscht abgewandt. Diesen Sieg und diese Auferstehung der für überwunden gehaltenen jüdischer) Lebensanschauung konnte man ihm außerhalb des jüdischen Lebenskreises nicht verzeihen. Wir aber begreifen diese Wendung im Denken Cohens aus der vor nichts zurückschreckernten Konsequenz des Philosophierens, aus dem Trieb des Zu Ende-Denkens; der ihm* besonders eigen war. Noch war er aber mit der Lösung des religiösen Problems nicht zu Ende. Die" Fjrage, welche Stellung die Religion innerhalb j des Systems der Philosophie d. h. der Kultur habe, schien ihm noch nicht voll geklärt. Da | fand er, daß der Einzelmensch in seinen Beziehungen zu den andern' und zu sich selbst noch jnicht in das rechte Licht gesetzt sei. Jeder Nebenmensch ist doch* zugleich ein Mitmensch, 'nicht bloß ein Er, sondern Jör allem ein Du. Diese Entdeckung des Mitmenschen erfolgt durch: die Betrachtung des Leidens des andern; es tritt der Affekt des Mitleids ein, und Cohen gelangt zu der tiefsinnigen, kühnen Einsicht: »Qas Leiden ist wegen desÄMitleids vorhanden.« Durch die soziale Hilfe, die ich dem armen Bruder gewähre, wird das Leiden aufgehoben. Detjn das soziale Leid ist das wahre. So fühle ich mich mit dem Mitmenschen verbunden. Die Vereinigung geschieht durch Gott, der da ist ein Gott der Armen und epn Vater der Witwen und 52

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