Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 11 - November
- Date
- 1927-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gründen das Unternehmen verurteilen zu müssen glaubte und .seine Einstellung betrieb, und die Stadt Magdeburg an der Aufrechterhaltung der Stelle kein Interesse mehr hatte, weil die Einrichtung nicht nur den Magdeburgern, sondern auch Fremden zu gutfe kam, und man keine Veranlassung habe, für diese etwas zu tun. Mit der amtlichen Magdeburger Heiratsvermittlungsstelle beschäftigten sich zwei Abhandlungen, zunächst ein Aufsatz von Professor Philipp Kuhn, Gießen vUeber amtliche Heirats- Vermittlung« gleichfalls in der Zeitschrift »Oeffentliche Gesundheitspflege« 1919, S. 120. Die Ausführungen des Veifassers sind sehr beachtlich, da sie das Problem, von großen Gesichtspunkten beleuchten. Er bespricht zunächst die Hindernisse der Gattenwahl, wobei er betont, daß vielen Personen beiderlei Geschlechts durch gesellschaftliche Hindernisse die Anbahnung der Ehe erschwert wird. Er schildert dann die. Nachteile und Wirkungen der Spätehe, die Ehe mit Minderwertigen und die Ehelosigkeit als Folgen der Erschwerung der Gattenwahl. Er spricht sich -ferner für den Gedanken der gemeinnützigen Ehevermittlung aus und nach Schilderung der Magdeburger Heiratsvermittlung macht er eine Anzahl positiver Vorschläge. So wünscht er die Gründung einer Anzahl Vermittlungsstellen in den größeren Städten des Deutschen Reiches, die Einsetzung von Vertrauenspersonen in kleineren Städten und auf dem Lande, die Mitarbeit der Frauen hält er dabei als sehr förderlich »weil, ihnen das Ehestiften im Blute liegt und sie jede gemeinnützige Aufgabe mit großem Eifer angreifen«. Die zweite Arbeit über dasselbe Thema ist kürzlich erschienen unter dem Titel »Die amtliche Magdeburger Heiratsvermittlung für Kriegerwitwen«, ein Beitrag zur öffentlichen Eheberatung von Dr. Hans Harmsen, in Veröffentlichungen aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung 22 Band, 5. Heft, 1926. - . Welche Nutzanwendungen lassen sich nun aus den geschilderten Einrichtungen für eine gemeinnützige jüdische Ehevermittlung ziehen' und welche Aufgaben wären ihr zuzuweisen? Die drei geschilderten Einrichtungen: die Tätigkeit des englischen Geistlichen,’ die des Frauenbundes für die deutschen Kolonien und die der Magdeburger amtlichen Ehevermittlungsstelle haben das gemeinsam, daß sie nicht die allgemeine Ehevermittlung propagierten, sondern aus bestimmten Notständen heraus erwuchsen lind diese zu bekämpfen suchten. Nicht anders liegen die Dinge bei den Juden. Es handelt sich auch hier um eine kleine Bevölkerungsgruppe einer bestimmten Konfession, bei der der Notstand dadurch verursacht ist, daß die Eheschließungen durch das zerstreute Wohnen außerordentlich erschwert sind. Wie bei dem englischen Geistlichen trifft es auch hier zu, daß durch die Landflucht der Juden, durch das Einströmen in die Städte, wobei vor allem die Männer beteiligt sind, die Frauen zurück bleiben, oft ebenfalls tüchtige Mädchen, und ihnen dadurch die Gattenwahl erschwert wird. Wenn' durch die Tätigkeit der Frauenvereine in .den Kolonien die Rassenvermischung erschwert werden sollte, so wird es auch zu den Aufgaben der gemeinnützigen jüdischen Ehevermittlung gehören, der, Rassenvermischung bei den Juden vorzubeugen, die Mischehe zu verhindern, die Reinheit des jüdischen Stammes zu wahren. Aber die gemeinnützige jüdische Ehevermittlung würde ferner die Mißstände der bisherigen üblichen Ehevermittlung, die hier gerade besonders kraß zu Tage treten, zu beseitigen haben. Gegenüber der vorwiegend rationalistischen Einstellung bei der Eheschließung wäre es ihre Aufgabe, gerade in jüdischen Kreisen gesünderen Anschauungen über Zweck und Aufgabe der jüdischen Ehe zum Durchbruch zu verhelfen und die Grundsätze der Einfachheit und Anspruchlosigkeit zu predigen. Das Dogma müßte beseitigt werden, daß der .jüdische Mann bei der Gattenwahl nur einseitig auf das Vermögen der Frau sein Auge wirft, auch selbst wenn er reich an Gütern gesegnet ist, daß es ihm viel mehr Befriedigung gewähren muß, sich selbst aus kleinen Anfängen t eine Existenz zu zimmern. Die jüdische Frau darf nicht mehr der Ansicht huldigen, daß eine Ehe nur dann eine glückliche sein kann, wenn sie'mit einer Flucht von Zimmern mit kostbaren Einrichtungen, Kleidern und Schmuck beginnt, mit teuren Reisen,- Vergnügungen und einer Mehrzahl von Hausangestellten. Der Ehevermittlung würde neben der praktischen Seite demnach auch ein reiches Feld auf dem Gebiete der geistigen Umstellung gegeben sein. Schließlich hätte sie auch noch auf die hygienische Seite der Eheschließung ihr Augenmerk zu werfen, z. B. der Frage der Verwandtenehe, der Eheschließung mit gesundheitlich nicht einwandfreien Personen, sie könnte hier auch die Funktion der Eheberatungsstelle übernehmen. — 198