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Der Orden Bne Briss · 1927-10-01 · Nr. 10 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1927
Issue
Nr. 10 - Oktober
Date
1927-10-01
Page
[Seite] (sequence 38)
Language
German
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hing seine Brüder beschwört, sich mit zu »wandeln«. Phrasendrescher' und- Volksverführer, Pfarrer und Kqmmis, haben bereits gesprochen / -hetzend hat dieser »marschiert, marschiert!« gerufen — Der Dichter aber weih, daß erst ^ie Gewandelten, die zu neuer, reiner Bruderliebe Bekehrten, die innerlich Wahrgewordenen, »marschieren« dürfen Die »Wandlung* spielte noch vor' dem Um* srurz in Europa. Tollers zweites Drama »Masse Mensch« <1920>, das dem internationalen Proletariat. gewidmet ist, wird als »ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts« bezeichnet. Zwei bedeutende Gelehrte, Basch und j Le Bo.n, haben die Psychologie der Masse als empirische Soziologen untersucht, der Dichter hat jedoch in diesem W erk weniger die rätselhaften Beziehungen zwischen wertvollem Einzelnen und dunkler Masse zu Ergründen, als mit leidenschaftlicher Hingabe sein speziell jüdisches, individuelles, und darüber hinaus allgemein-menschliches Ethos zu propagieren versucht, daß der Zweck. ,die Mittel nicht heiligt, daß Töten unter allen LImständen verwerflich sei Die gefangene Heldin des Stückes, eine symbelische Gestalt für. die »reine Idee*, soll wegen revolutionärer Umtriebe standrechtlich erschossen wetden. Das Volk wünscht ihre Freilassung, nur der Tod eines Wärters kann ihr den Weg in die Freiheit bahnen ,• aber um diesen Preis will sie nicht leben! — Und so gehr sie gefaßt in den Tod. -- 'Nur angedeuter ist in diesem Trauerspiel die Tragik der sich widersprechenden. Notwendigkeiten des »Erlösers«, einsam zu (bleiben, um sein Menschentum rein zu erhalten . und Zarathustra gleich unter die Masse zu gehlen, um zu helfen und aufz.urichten. — — Mit seinen folgenden beiden Trauerspielen' verläßt Toller nunmehr den überkürzten,' plakat- und schlagwortartigen Expressionsstil und nähert sich mehr der konkreten großen Form des Dramas. Von »Erlösung»' und »Befreiung* ist jedoch in diesen zwei Proletarierstücken wenig zu spüren. Es steckt unsäglich viel Schweres und Bitteres in den beiden W erken. Es sind mehr Diditungen der Klage als der Anklage, der Sehnsucht als des Hasses, der Verzweiflung als des Umsturzes.— In den »Maschinenstürmern« (geschrieben 1921) trägt Toller seine Erfahrungen und Bekenntnisse in die Zeit der historischen Ludditenbewegung in England, die zu Beginn des 19- Jahrhunderts von der britischen Regierung grausam unterdrückt wurde- Hier fällt der geniale Held aus dem Volke als Opfer seiner eigenen, ihn nichr verstehenden Klassen* genossen, und auch im »Deutschen Hinkemann« werdet* der Volks-»Gemeins<haft«, die als kämpfende Klasse doch doppelt gut Zusammenhalten sollte, in der sich äjber auch "Jeder etwas Besseres dünkt, als der ander^, unangenehme Wahrheiten gesagt. — Der Hinkenlann« ist wohl das rein menschlich erschünerndste Drama Tollers,- hier hat er es endlich erreicht, den! dichterisch konzipierten und visionär bearbeiteten £toff künstlerisch zu bewältigen, d. h. zur einzigen (Gültigkeit durchzuformen. Die mit aufreizender Schwermut gestalteten Erscheinungen sind hier in! die Sphäre des Ueberwirtyich-Diditerischen gehoben. Die Geschichte von dem armen Burschen, deir-; im Kriege durch eine Kugel zum Eunuchen geschossen wurde, ist kein von bloßer Phantasie erdichteter Fall,- ""oft genug ist er vorgekommen, lur daß aus »Konvention« nicht so häufig davon gesprochen wurde, wie von anderen, minder entse zlichen Verletzungen. Dieser Hinkemann, ein ans Innerste greifendes Symbol für den unschuldig Leidenden und Verhöhnten, stirbt nicht an sich, nicif an seiner Vereinsamung, nicht an der Untreue seiner Frau, sondern an ejer Rohheit und der 'Trägheit des Herzens« seiner Umwelt. — Hier hat derjDichte/einen tiefen, gramerfüllten Blick in die Psychologie * des »kleinen Mannes« getan und eine Kriegstragödie von bisher unerreichter Kraft geschrieben Ein Wurf - von dieser Größe und Eindringlichkeit ist Toller bisher nicht wieder gelungen! Sein jüngstes, erst in letzter Zeit aufgeführtes Stück »Hoppla wir leben U ist leider künstlerisch ein gewisser Abstieg. Auch der Held dieser Groijeske, der Revolutionär KaH Thomas, der 1918 in^ Irrenhaus kam urtd 1927 geheilt, entlassen, »diö Welt nicht mehr versteht* und sich erhängt, wallte ändern, bessern,, helfenj und geht dabd zugrunde. — Sein Schicksal ist n cht typisch, nicht überzeugend, . . . das Thema verworren. — »Bessefn und ändern* wollen Vjieje. Gutgesinnte; Aufrichtige und Warmherzige, gibt es schließlich in allen Parteien. — — I Der graße Sozialist Saint-Simon sagte abschiedrtehmend zu seinen Schülern, die sein Sterbelager umstanden: »Vergeßt nicht, tjieine Freunde, daß nur der überhaupt etwas vollbringet» kann, der begeistert' ist! Nur mit B e g e I s t e r u n g könnt Ihr_etwas erreichen!« — j I Ernst'Tollers Stücke sind in allen Kulturzentren De utschlands oft aufgeführt worden! — Er hat meist als ein wahrhaft Begeisterter zum Volke gesprochen und das urjüdische: »Liebet euch untereinander!» mit hinreißender Beredsamkeit als Drama :iker von der Bühne herab gepredigt. — Hoffen lieh wird die Wirkungdieses Dichters, der erst in der vlitte der Dreißig steht, zum Heile unseres Vaterlandes noch an Tiefe und Intensität ^unehmen! ISO —

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