Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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aber er selbst ist nie ein Mansch der Klique gewesen. Lächerlich und verächtlich erscheint ihm der auf Betriebsamkeit und Gegenseitigkeit begründete KJiquen«Ru|im. -»Klatsch dreier Cafes und lächer* liehe Politik Idreizehn übelgeratener Literaten« nennt er einmal diese Art Ruhm — Und in dem gleichen, starken undl tiefsinnigen Dialog »Die Versuchung«, den man w)obI als ein kleines Gedankendratna bezeichnen könnte, nimmt er auch eine überraschend scharfe Wendung gegen den stark politisch eingestellten literarischen Äktivismus. Logisch scharfer, und dichterisch schöner, läßt sich die wohlmeinende, aber wichtigtuerische Lehre kaum abtun: »Wer sich der Nichtigkeit entgegen* w.irft, wird selbst nichtig. Wer in der kleinen Misere Leid der Ewigkeit spürt, sinkt, aber kämpft nicht.« — So löst sich Werfel schon früh von den ebenso. stumpfsinnigen wie tyrannischen Klischees ' der Formeln und Richtungen und stößt auf der . ganzen Linie zu Eigenheit und Selbständigkeit vor. Das allein würde genügen, ihn als!'überlegenen Geist zu beglaubigen. Er hat es auf diese Weise auch uns zehn, zwölf Jahre Aelteren leichter ge* macht, ihm gerecht zu werden. An sich verstehen sich Generationen schwer, und wer von Nietzsche und Neu*Riomantik herkam, befreundete sich nicht leicht mit einer Predigt wahlloser Menschen- und Massenliebe. Aber Werfel hat eben längst alle Generationsschablonen weit hinter sich gelassen —■ ^und die Stärke seiner Natur und Be* gafcung hat uns überzeugt. — Seine reifen Werke sind-es, die; für ihn zeugen — neben jener Auslese des Besten seiner Lyrik vor allem zwei epische Gestaltungen, der Roman, dej jenes lang* atmige albanische Sprichwort: »Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig« als Titel führt — eine stark pazifistisch und antimilitaristiscji gestimmte Dichtung gewiß — aber eben eine Dichtung, mit künstlerischen Mitteln aus der Seele eines jungen österreichischen Generalssohnes entwickelt — und der reife Verdi* Roman, wirklich eine Art Zeit*Epos der modernen Musik und Kultur, wohl % eine ’ seiner bleibendsten Schöpfungen. — Sein Höchstes hat Werfel aber wohl im Drama gegeben, gerade dadurch die oft wiederholte Behauptung von der absoluten oder doch relativen dramatischen Impotenz der Juden sieghaft widerlegend. Daß er nicht nur Dramatiker ist, daß lyrische, epische und dramatische Kräfte in ihm prachtvoll zusammenschießen, kommt auch seinem Drama zugute. Schon jener bereits zitierte Dialog »Die Versuchung«, ein seelen» und geisttiefes Gespräch zwischen Dichter, Satan und Erzengel, verbindet die Gefühlskraft des lyrischen Bekenntnisses 1 mit der Schlagkraft dramatischer Dialektik.;— Wir alle erinnern uns auch jsvohl noch uns in des der außerordentlich starken Eindrucks, den Kriegszeit die Aufführung .der »T r o e * rinnen«|. des Euripides gab. Vielleicht wär es überhaupt; der stärkste menschlich - künstlerische Theater-Eindruck dieser schweren und so* kunstfernen Tajje . . . Ein T h e a t e r-Eindrudc? [Dies war mehr; als Theater — das war unmittelbar erschütterndes Leben, das uns im Leid der Besiegten trotz des ^weitausendjahrabstands verwandt! und aufwühlencj in die Seele griff. Und daran hatte der »Bearbeiter« — nein, der Nach- und ijleu* Dichter Würfel den stärksten Anteil. Er hatte mit sicherem Instinkt die lebendige Tragik gerade dieses Werkes gespürt und ihm. die schöpferisch-eigene Sprachformj gegeben, dig auch die Seele des heutigen Menschen ihitklingen ließ. Dichter des großen Welt- Leids und Welt-Mitleids: über Jahrtausende reicht hier Werfel dem Klassiker der attischen »Moderne« die Hand. Doch auch diese Formel begrenzt und erschöpft de n menschlichen und dichterischen Reichtum Werfels n och nicht- Freilich ist er kaum eigentlicher Metz phy’siker „• das unterscheidet ihn unter anderem auch von der vorangegangenen Ineuromantischen Generation, die das Mysterium' des Daseins v el reizsamer und bewußter empfand- Vielleicht ist Werfel gerade zu sehr dichterischer und künstlerischer Gestalter, um im gleichen fylaße »in der Wesen Tiefe?u trachten«. Dennoch ist ihm auch Metaphysisches nicht fremd, aber primär ist ihm das Ethische, das ihm in seiner Art letzte Tiefen erschließt. Eben in diesem Primat des Ethischen schlägt wohl immer wieder das jüdisch : Grundwesen durch. Gerade sein tiefes ethisches G tfühl macht Werfel auch für das A» und Antiethisdv: hellsichtig, für die innerste Verknüpfung und Polarität des Guten und Bösen. In Dramen’ wie »Schweiger« und »Bocksgesang« wirkt sich dieses Erlebnis aus. Werfel bleibt jauch hier der Dichter des ethischen Ernstes, des sojzial» metaphysis hen Verantwortungsgefühls, der ^inst ein Sonett des Liebesrauschglücks in Verse voll ieß: dunkd-quaerischen Selbstgerichts ausklingen »Ihr.Keumenden auf Straßen und auf Flüssen: Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben, Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen?!« Aber die urchtbare, doch lebenbedingende Macht des Chaotischen, Elementaren, Trieb- und Tierhaften, in dem gleichsam Urgutes und Urblöses noch ungeichieden ruhen, ist ihm aufgegangen. Ethisch bewertet und darum mehr als das Urböse erscheinend; beherrscht dies Dämonisch-Unterbewußte vor [allem, den »Schweiger«, den grund- 174