Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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könnten die Menschheit, indem sie ihr verum ri lendo sagen, veredeln und bessern, so.spricht allerdings die Erfahrung der Mensdhheits* und Literaturgeschichte dagegen. Von Aristophanes undflautus. an bis zu den großen Satirikern des späteren E tropa: die Kunst hat im besten Fall aesthetische Wir! ungen erzeugt, kaum jemals .aber ethische. Die rrensch* liehen Leidenschaften oder auch nur die Untugenden, die der Bußprediger-in dichterischer Form verspottet, haben die Eigenschaft des Unkrauts, das immer wieder seine Keime durch die Luft streut, w e sehr cs auch gejätet wird. . Es ist ein durchaus ehrlicher und anerke tnenswerter Zug in Carl Stemheim, daß er, beiLeinem. sonst so regen Selbstbewußtsein, es nicht nimmt, nach dem Ruhm des Weltverbesscr fahnden, E^; unternimmt erst, keinen V| gibt sich für nichts anderes aus als für er unter* rs zu rsuch, einen Schildcrer von Zuständen, wie sie nun;inmal sind und wie sie sich nidit ätidern lassen z.r ist wie nicht viele vor ihm der' Nic^ts-als»Natt :ra!ist, frei von jedem »Gefühl«, frei vpn jeder Ron antik, •die dem Zerrbild so gern ein Idealbild gegenüber stellt. Selbst, als die Richtung, die' man »N.ituialismus« genannt hat, in Blüte stand, war rasch zu spüren, daß diese Ibsen und Gerhart Hauptmann und später Wedekind und S’trindberg nur so bitter waren, weil sie der Welt ein anderes,^ freieres Gesicht erhofften. Sie waren und blieben ideologische Phantasten und darum gerade, nach sehr cihabcnen Vorbildern, echte »Dichter«. Sternheim ist mit den satirischen Mitteln der Bühre nackter Tatsachenrr.ensch,- hartklarer Beobachter und Beschreiber ,■ einer, der alle Hoffnung draußen läßt und auch alle Wünsche. Dennoch kann, künstlet isdi gesehen, seihe Lebensleistung bedeutend und von bleibendem Werte sein. Es kommt ja nur darauf an, ch er gekonnt, was er gewollt hat. Wenn wir von verschwindenden Nebenarbeiten absehen, was hat er gewollt? Den »Bürger« unserer Eppihe so zt|i zeigen, »wie er ist«. Ohne moralische Tendenz, ohne zu verkünden, wie er besser sein ■ könnte. In einem der vielen Prortunciamentos, die Sternheim gernj erschallen läßt, um sich und seine Wirkung selbstlobend zu verklären, sagt er, daß ihm »Erziehung« Völlig fern liege und daß er den Bürgern eher Mut Jzu ihren »sogenannten Lästern« machen .wolle, damit sie alle sittlichen Begriffe als unerheblich und jkbenschwächend aust ihrer Terminologie verbannerj können. Er läßt den bürgerlichen Heldenleben«. Es sind Hojse« (zuerst unter dem Druck der Zensur Riese« genannt), »Der Snob«, »19i3« und »1 rasa«. »Die »Der abula Leitende Figuren tragen den Namen »Mtske«, wie zum Zeichen, daß der Autor eine Demaskieru tg vernimmt. Er entlarvt die Prüderi*, die Geldgier, did Streberei, die Gesinnungslosigkeit des Bürgertums, und wenn er vom »Bürger« spricht, denkt er dabei nicht an den Begriff, der nah allgemeinem Sprachgebrauch antithetisch zum »Aristokraten« oder gar zum »Proletarier« steht, sondern den bürgerlich betonten Zeitgenossen übethaupr. Er meint den Drang des Proletariers naci dem Boutgeoistum, und den Trieb des Bourgeois nach Titel und Lebensform des Aristokraten. Es ist die Stufenleiter der sozialen Schichtung, die die Gestalten Sternhdims hinaufklettern, aus dem dritten Stand in den zweiten und ersten,- aber nicht, um der nächst höheren Schicht ein minder verbrauchtes Blut verjüngend zuzuleiten, sondern um die Privilegien, die andere schon gewonnen haben, ’ür sich selbst zu erobern und festzuhalten. Dazu sind alle Mittel recht: Preisgabe der Ehre, Versthacherung der Frau, Verleugnung der Herkunft, Flucht aus beschworener Gesinnung. Es ist eine wahre Inbrunst, das Schlechte zu zeigen, es ist kein Richteramt mehr, es ist ein Scharfrichteramr, da; Sternheim übernimmt. Daß dem »Streben nad oben« auch bessere Motive zugrunde liegen können, daß die Sehnsucht aus dem engen Pfahlwerk der unteren Schicht in die freieren Räume einer minder beschränkten Lebensführung ebenso begreiflich wie wünschenswert, ist, Weit nur so zum Nutzen der Allgemeinheit Gaben sich entwickeln können, daß aus Proletariat und Kleinbürgertum, wie die Geschichte aller' Völker erweist, die Führer einer Nation oder der ganzen Menschheit hervorgehen, daß es eirf Lebensinteresse der Gegenwart ist, alle Grenzen veralteter Kastenordnuffg zu sprengen: das alles bleibt un beachtet. Kaum spürbar, daß Sternheim auch nur ahnt, es möge Gestalten von reinem seelische r Wud-js geben. Wo er sie etwa zu schaffen versucht, aus der notwendigen Oekonomie der Bühne die den Kontrast nicht entbehren kann, b blaß und schattenhaft Das gilt fast durch seinen F^auengestalten. Er ist nichts als Protokollar in satirischer Form, und das bleibt das R^cht des Schaffende heraus, :iben sie weg von den Bürger sprechen: »Ich bin so!«, und das erdann, wie tief Sternheim in f die Natt r härtet er vornehmlich in vier Bühnenstücken, deren Menschen, so wie er sie sieht, eindrinsrt, xr Sinn er dann in anderen Schriften wieder aufnimmt oder doch streift. Er nennf sie »Komödien aus n, wenn die Gestaltungskraft groß genug ist, . Wir sehen seiner je er die Wesens astischer Menschen, so wie er sie sieht, eindringt, kleinsten: Züge, ihres inneren und äußeren zusammeinfaßt, Bis ein dreidimensional L 168