Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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aufgerechneten Mängel das Publikum hingerissen und sidi den Votks-Schillerpreis erworben. Ich greife einen der ungerechtfertigten Vorwürfe heraus. Man hat beim Helden dieser Tragödie einen Charakterlich festgestellt und doch liegt nur ein not» wendiger Wandel vor. Ist der Graf von Charolais in den ersten Akten weichherzig, fast kleimriütig und für seinen Adelsstand von zu unwürdigem : Mangel an Stolz, so war es nur zermürbende Not . und verzweifelnde Hoffnungslosigkeit, die seinen wahren Charakter -verkrüppelnd niederhielten, der aber nach drei Jahren (zwischen dem 3 und 4. Akt liegt diese Zeitspanne) plötzlichen Wohlstandes änd erfüllter Liebessehnsucht sich aufrichtet, stark und resolut w'ird. Man denke hier zum Vergleich an Kleists »Prinzen von Homburg», der von der Höhe eines Kriegshelden in die Tiefe eines Jammer» lings fällt, als er erfährt, er soll erschossen werden, sieht er doch kein höheres Ziel, dem er sich willig geopfert hätte, ■ sondern j nur die blindwütige Rache einer verletzten Kriegsformel, — doch heldisch ..-erstarkt er wieder bei der Einsicht, daß rfur rück» haltslose Befolgung der Kriegsgesetze den Zufalls» lösen Sieg verbürgt, und nun ist er bereit zu ■ sterben, um durch seineh Tod das Gesetz zu ver» herrlichen. Es gibt al© Ereignisse, die die Kon» stanz eines Charakters; zu erschüttern vermögen, ihn gar in sein Gegenteil verkehren. 1— Um Ein» 'wände zu entsadilichei), nannte manche kritische Geneigtheit dieses Drartia romantisch. Und es ist dies tatsächlich und wiederum nicht, und das gjbt ihm seine Größe und seinen uneinschachtelbaren Rang. Der Stoff ist einem Stüde der ShakesfSeare- Schülef Massinger und. Field entnommen. Er er» scheint gegenwartsfremd, wi^ überhaupt das dra* matische Schaffen Beer»Hofmanns, und ist doch durch seine neuen Inhalte, die um Probleme wie »Vater und Sohn« kreisen, gegenwartsnahe! Freilich löst Beer»Hofmann diese Fragen anders als unsere eruptionswütige, bindungslose, aber dafür auch wurzel» und haltlose junge Generation. Er sieht im Gegensatz zu den Jüngsten gerade in der Besinnung auf seine Herkunft eine Quelle der .Kraft und der Kenntnis seiner selbst, in der Verankerung in Tradition die Sidierung für das Neue und Zukünftige. — Diese Dichtung ist von) blinden Walten der Schicksalmächte erfüllt und ist voll Fragen über das Unenträtselbare des Daseins. Sie schildert abgelegene, ätembeengende Zustände von h-Ienschen, die ihre dichterische Gestaltung wohl noch nicht gefunden haben. Und inmitten gewitter» sdiwüler und schmerzdurchzuckter Szenen zittert die Sehnsucht des Grafen nach Liebe und Heimat, nach Heimat der Seele. Und am ergreifendsten viel ht ist die Liebe des Präsidenten ,zu seiner judei i die darmi so Erb, i das Tocht r Desiree Nicht einmal durch die Schande ihres ehelichen Treubruchs wird sie erschüttert; alles möchte er ihr opfern, Richterehre und Gesetz, er erniec rigt sich bis zum äußersten, nur um sein Kind zu re ten. Dieser Vaterliebe ist nun wirksam kontrastii rend die Mannesliebe (des Grafen) gegen« übergestellt, die trcitz ihrer glühenden Maßlosigkeit diese i mehr vom Verhängnis gewollten Treubruch nicht verwinden, kann, hart und sühneheischend wird Ein erschütterndes Hohelied der Vaterliebe! ief gräbt sich noch eine andere Gestalt in die Erin terurg ein; der .»rote Itzig«, der greifbar wirkt .di und grausam wahr gestaltet ist. Er ist voll und Genfer.,- schneidenden Intellekts, voll blutiger Ironie von finem scheinbar steinernen und galligen dies sind Eigenschaften, die dem Urfremd sind, die aber der Höllenhaß und grausamste Verfolgung des Mittelalters im igen Juden zur Gegenwehr erzeugte. Und fühlt man auch durch alles Stachlige und rrrtungslose des »roten Itzigs« seine gütige Gruji natur! * Ganz dem jüdischen Gedanken und der jüdischen Sendung widmet sich sein Werk »Jaakobs Traum«, als Vorspiel zu einer Trilogie »Die Historie König David« gedacht ist. Dieses Lyrodrama von erfüllt den. biblischen Stoff mit neuem, tiefenver» spounenem Gehalt, ^versucht den Jakob-Esau» Mythos, der vielfach vom ethischen Standpunkt ang Mochten wurde, auf sittlichem Grunde zu kläien. Es stellt den erkennenden, mit Gott ringenden Jak )b dem dem Triebe verhafteten, genußseligen Es tu gegenüber, ohne dessen Wesensart zu richten oder bewußt unterzuordnen. Aber wir erleben hienicht nur d'e biblischen Gestalten, sondöm in ihren gleichzeitig den ewigen Typus des-himmlischen un I des irdischen Menschen mit all seiner Tragik un I all seinem Jubel: den Geist-Menschen mit seinen Leiden der Talferne und der aufwühlenden Gott-Nähe, aber auch mit seinen Höhen» und Gott« se igkeiten — den Trieb-Menschen mit seinen unze dachten Glückseligkeiten, aber auch mit seinen Lc iden an Neidsucht und Mißgunst, seiner Scheu H iherem gegenüber. Audi der Gott dieser Dichtung ist nicht recht der eigentliche Bibel-Gott — dem V esen nach eher der All-Gott Spinozas, aber doch at thropomorph verengt, teils wohl um ihn dem Geist dieses Mythos»Werkes änzupass’en, teils wohl auch aus der Ueberzeugung, daß Gott dem Menschenh1 xzen am besten in der bibelähnlichen Gestalt g inz fühlbar nahe gebracht werden kann. — lieber« wältigend in ihrer Kraft und Zaubrigkeit sind in - 162