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Der Orden Bne Briss · 1927-10-01 · Nr. 10 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1927
Issue
Nr. 10 - Oktober
Date
1927-10-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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Gestalten sind wie er: Erben, Spätgeborene; niemals Ahnen oder Vorläufer; nicht Schöpfer oder Willensme'nschen, sondern betrachtende Genießer, abwägende Rächer. Daher ihre Unaktivität, ihre empfindsame Differenziertheit. Daher die eigentlich undramatische Wirkung seinerf Dramen. Ein derart kultivierter .und nachdenklicher Mensch wird die Fprm des Monologs lieben, welcher die Vorstufe des frühesten Dramas war. So geben sich manche seiner frühesten Gedichte bereits ajs Monologe eines in tragischer Situation Sprechenden, wie schon die Titel ankündigen, etwa »Der Schiffs* koch, ein Gefangener, i singt«, »Der Kaiser von China spricht« «Des altenMannes Sehnsucht nach dem Sommer«. Öder es finden sich dialogische Szenen, wie «Großmutter und Enkel«, 'Gesell* schaff«, "Idylle nach einem antiken Vasenbild*. Und umgekehrt: seine ersten Dramen sind so sehr monologische oder dialogisierte Lyrik, etwa «Der Tod des Tizian«, «Der Tor und der Tod», •'Der Jvaiser und die Hexei, daß man sie, wenn man die Personennamen der Sprechenden wegdenkt, für lyrische Gedichte halten würde Lyrik und Dramatik läßt’ sich in den frühen Dichtungen'.Hofmannsthals überhaupt nicht scheiden, und So überschreibt er in seinen Gesammelten Werken diese Stücke als «Lyrische Dramen«. , » Darum kann ^uch die Betrachtung des Dra* matikers Hofmannsthal gar nicht von der des Lyrikers geschieden werden. Wenn seine Dramen nichts sind als unendliche Variationen seiner'Lyrik, so ist mir der Charakterisierung dieser Lyrik bereits das Wichtigste auch über die Dramen gesagt. . Seine Helden und Heldinnen sind, wie die meisten seiner Nebenpersonen allesamt Lyriker,- erstaunte Toren,( wie der Wiener sagt: Außen* Steher, sind Betrachter mehr denn Täter, Redende mehr denn Handelnde. Die Redenden verdrängen die "wirklich Handelnden von der Bühne, und die Worte ersticken -das Tun. Jedes Gefühl wird sofort vom Denken durchbläht und auseinander* gebläht wie ein strotzender Mantel, der pompös um schwache Schultern geworfen ist. Als «Fühlendes Denken, denkendes Fühlen« definiert Hofmannsthal einmal die Poesie, Und sogar eine wild-gewalttätige Frauensperson wie seine Elektra handelt nicht selbst, sondern begleitet die Handlung mit Ivrischer Betrachtung in einem unendlichen Monolog. Denn dies ist eins der gewaltsamen Mittel, mit denen Hofmannsthal versucht, das Dramatische zu erkämpfen: daß er, der zarteFormer der schwebenden, ineinanderschwebenden, verschwebenden Klänge, das Grausige, Blutrünstige, Aufregende, Aufreizende y, als S off wählt. Aber er nimmt diesen Stoff nicht aus c er Gegenwart, nicht einmal direkt aus der Vergangenheit, Ständern fast immer aus zweiter, anderer Dichterhand: er bearbeitet die Dramen längs: verstorbener Dichter — und wandelt sie durch seine Bearbeitung wieder in schwelgende Lyrik, in Bild und Klang, in Resignation und Melancholie. So ü »ersetzte er den »Oedipus« nach Sophokles, /«dichtete als Vorspiel dazu im gleichen antiken Stil »Oec ipusj und die Sphinx«, bearbeitete desselben Sophsklei »Elektra«, schrieb eine »Alkestis« nach, Euripides und »Das gerettete Venedig« nachdem alten jlischen Trauerspiel des Thomas Otway. Dder er stürzt sich, um ein großes einheitliches Gefühl, das nicht in ihm ist. zu usurpieren, ins Religiöse.: Und zwar, wie viele Judensprößlinge, ins k; ithol|sch*religiöse Gefühl. Aber auch dann noch bearbeitet er alte Stücke, so den in vielen Fassungen allen halben im Mittelalter verbreiteten »Jedermann« oder. Calderons »Ghoßes Welttheater«, von einer weit: chiditigen Symbolik überkrustet, die das einfache Glaubensgefühl und erst recht die dramatische t^irlung ertötet. ' Eigentlich hat er nur ein einziges Mal einen eigei en dramatischen Stoff gestaltet, in »Der Aben* teue er und die Sängerin*,- aber auch hier wandelt sich 1er stürmische Casanova in einen reflektierenden und resignierenden Liebhaber. Was bleibt nun noch, nachdem auf allen diesen Wegen Hofmanns* thal vergeblich das Drama anging? — Das heitere Dra na: das Lustspiel. Da gibt es »Christinas Heimreise« und »Der Schwierige«. Das eine im Kos üm des Rokoko, das andere in dem der letzten Gegenwart. Aber beide, trotz der leichten äußeren Form, schwerflüssig und unwirksam,- Spiel ganz in Wiener Tradition von der alten Commedia dell’ arte, bis zu der zeitgenössischen Gruppe der Seht itzler, Salten, Auernheimer,- nur noch feiner, nod nervlicher, noch spielerischer. Wenn man überhaupt den Begriff Dekadenz gelten lassen will, so schli ngt sich hier Wiener Dekadenz mit jüdischer zu härtestem Qewädis ineinander.1" Wie die Lyrik, so ist auch die Dramatik Hof* .mar nsthals von Musikalität durchströmt, ja eigentlich nur durch sie zusammengehalten. Diese wörtgewordene Gefühlsmusik muß natürlich den wirklichen Mu;iker, dcnKomponisten reizen. Muß den aktiveren Mu iker reizen, den passiveren Dichter zu Opern* textm anzureizen. So regte Richard Strauß, nach* dem die Komposition der »Elektra« geglückt war, Hofmannsthal zur Formung von Opernstoffen an, — i lie wiederum aus zweiter Hand waren; der »Rosenkavälier«, ein Rokokospiel; »Ariadne auf Na» os«, eixi klassischer Stoff in Barockform, noch löO

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