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Der Orden Bne Briss · 1927-10-01 · Nr. 10 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1927
Issue
Nr. 10 - Oktober
Date
1927-10-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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»Deutschen Theaters« gegen Ende vorigen Jahr». : hunderts kann man sid heute kaum noch vor- ■ stellen!1 Was war das für ein einzigartiges Er» - lebnis, als Agnes Sorma damals die Tttelrolle^rin ] Hirschfelds »Agnes Jo danc spielte, Emanöef | Reicher den Ehemann, den »schönen Gtlstav«, j diesen eitlen, egoistischen Banausen, und Rudolf ' Rinner und Oskar Sauer die erwachsenen Söhne ( 1 der stillen Dulderin! Be dieser Vorstellung vergaß; man ganz, daß »Agnes Jsrdan« eigentlich wiederum! k^n »Drama« ist, sondei n ein dialogisierter Roman,! reich an lyrischen Schönhjiten und von einer gram» durchsetzten Lebensweisi leit. Mit offenen Augen hat der Dichter gfoßstäd isch-jüdisches, sich selbst» i aufgebendes Familienlebc n charakterisiert und das | Gesehene mit aiißerord mtlicher Bildhaftigkeit und | Schärfe wiedergegeben. j. Auch in der Alltags tragödie »Nebeneinander« und in der Künstlerkomödie »Der junge Goldner« tritt das jüdische Element und des Dichters große Sehnsucht nach Reinheit und Heiligung des Lebens hervor. Dabei ist in allen diesen Stücken das jüdische Kolorit gar nicht stark aufgetragen, sondern nur leicht und fein angeceutet, aber doch sehr ver» stündlich un^ lebensbed tutend. . Und die größten deutschen Schauspieler — damals noch in strahlender Jugend! — -spieltert die Hauptrollen und gaben Kabinettstücke naturalis ischer Darstellungsweise. Wie gut entsinne ich mich noch Alb&rt Basser» nianns »Hellwig*,, Else: Lehmanns »Marianne«, Irene Trieschs »Tochter'1.’ Josef Kainz spielte zu jener Zeit den jungen Stürmer, und der heute zu Weltruhm gelangte Max Reinhardt — er war kaum Zo Jahre alt! — .verkörperte den greisen Goldner. In den .folgenden Jahren hat der überaus fleißige Dichter . eine ganze Reihe von Bühnen» werken erscheinen lassen, die immer »Frisches und Neues brachten« und »auch mit Bedeutung gefällig waren*. Wirkungsvolle Lustspiele wie »Pauline« und »Rösiike« Geist«, Märchenspiele wie »Der Wög zum Licht« und »Das hohe Ziel« erschienen Die großen Hoffnungen, die mdn in den neun» ziger Jahren auf Hirse lfeld gesetzt hatte, s.ind schließlich doch zum’ giten Teil erfüllt worden! Wenn er auch nicht gerade Kunstwerke schuf, die der ganzen Zeit ihren»Stempel aufdrückten, immer wieder überraschen dichterische Feinheiten, gleichsam mit weichen Farbstifter hingezeichnete szenische Pastelle, die ans Herz greifen und rühren. — Nirgends sroßt man auf Oberflächlichkeiten oder Posiertes.. Und immer wieder kehrt der Dichter, sein I hema mannigfach variierend, zu dem Gebiete zurück, das ihn als Juden wohl von jeher gefesselt hat: zu den tragischen oder komischen T&ziehupgen der Familienmitglieder untereinander. Georg H.etjmann - har den klassischen Roman der jüdischen Fhnjilie geschrieben, Hirschfeld hat das» . selbe Problem von ganz verschiedenen Seiten be» trachtet. In! dem kleinen Trauerspiel »Der undankbare Soh'ni hat er in symbolischer Weise dem uralten Konflikt zwischen Vater und. Kind dramatischen ^.usdruck gegeben.. Mit feiner Ironie hat er j> in t seinem Lustspiel »Spätfrühling« das heikle Motiv der wiederaufkeimenden Liebe zwischen zwei“ längst geschiedenen Ehegatten geschildert. - Familietistüike“*sind auch die Einakter »Die Getreuen« j und die Tragikomödie »Mieze unef Maria«, die übir vieledeutsche Bühnen gegangen ist und auch npdi! nach dem Kriege oft gespielt würde. Sehr fein hat Blandine' Ebinger erst kürzlich die Hauptrolle jdieses Lustspiels kreiert. Nicht immer ist dem Ejichter die 'künstlerische Durchdringung seiner stets gut geschauten Bilder geglückt- Oft steht er n cht in oder über den Dingen, sondern als helläugiger Beobachter bloß neben ihnen und begleitet ihie geheime Trauer mit seiner leisen und . unaufdringlichen Klage. E ne jewisse Kritik erfordert sein Trauerspiel »Uebei wimler«. Hier hat der Autor u. a. versucht, die udenfrage als gesellschaftliches Problem sozusa pen auf eine lyrisch-dramatische Formel zu * bringen. Dies ist nicht geglückt. Auch dieses Stück ist gewiß reich an poetischen Feinheiten, aber sein Vorwurf, eine Art Antagonismus zwischen Deutsciturr und Judentum in weltschmerzliche Resignation; msklingen zu lassen, hat etwas Befremdendes r' S rit langem hat Hirschfeld seine ganze Schaffenskraft f. st ausschließlich der Prosadichtung zugewandt. Als Bühnenautor gehört er, von literaturhistorischer Warte aus gesehen, — sub specie aeternitatis,.— wohl tur zu den Berufenen, und nicht zu den Ausorwählten. Als ErzäJjler jedoch sind ihm neben vielem anderen zwei solche Werke von bleibendem Wort wie der »Wirt von Veladuz« und »Der Kampf derj weißen und der roten Rose« gelungen. Cen Roller der uden wird fälschlicherweise von übel» Seite oft eingefleischte Jcapitaljstische Ge» als ei Leid ind sdiwii ingen. sinnungsweise nachgesagt. Mit dem »Wirt von =Veladjz« hät Hirschfeld eines der besten antikapita istisc len Bücher unserer neueren Dichtung geschrieben Aber wenn auch unter seinen'vielen Novel en und Romanen manches zu finden ist, was «icht allzu hoch über dem' Niveau üblicher Unter! laltu igsliteratur steht, immer erweist er sich' i sensibler Poet, in dessen Seele fremdes fremdes Leben zu Herzen gehend mit» Manches von ihm wird bleiben! . . . 134

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