Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1927-09-01 · Nr. 9 - September · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1927
Issue
Nr. 9 - September
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6727475-6029141-6074745--1469-4868094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Entwicklungzur Freiheit. Von Goeth: und Beethoven erzählt man die bekannte Anekdote: Als die beiden Oroßen im Jahre 1812 im Bade Teplitz weilten und einen gemeinsamen Spaziergang machten, begegneten sie den kaise liehen Herrschaften. Beethoven sagt'zu Goethe: Bleibt nur in meinem Arm hängen, sie müpsin.uns Platz machen, wir nicht« Goethe macht sich los, tritt zur Seite und grüßt. Beethove i. geht rücksichtslos mitten durch. .Hier'ist Goeth» d^r Größere, der Gebändigte. Sein Qmß gilt nicht nur der Person, 'sondern er ist gleich- - zeitig der Ausdruck des tiefsten Goeth :schen Wesens: der Ehrfurcht. Goethe schreib! einen Monat -später an Zeltet: '»Beethoven habeich in Teplitz kennen .gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, di » zwar* nicht Unrecht hat, wenn sie die Welt detes- tabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genußreicher macht« Goethe, als der größere Welt- und Menschenkenner, weiß, daß der Mensch Binc ungen anerkennen muß, um verbindend zu wirken. »Das Gesetz erst kanrf*uns Freiheit geben.« Da» deutsche Wort »verbindeud« urid »verbindlich«. deutet aüf eine-Art unsichtbarer Brücke hin, die von Men£ch zu Men sch.'geschlagen wird. Viele Formen erhalten wir schön in der Kinderstube, und man sagt nicht umsonst von. einem Menschen ohne Formeu, er. habe keine ,K inderstube gehabt. Aber die eigentliche Forn, das. Abstößen: der Ecken' und Kanten u tseres, Wesens, das Abfeilen unserer Roheiten (ei üdire)- geschieht erst durcti Reibung ipit der Auße lwelt. Die Glätte, die uns das Leben gibt, ist duichaüs nicht äußerlicher Natur: sie wirkt bei einem bildungsfähigen Menschen immer zugleich auch sittlich, geistig und seelisch glättend. .Deshalb läßt Ooethe seinen Wilhelm Meister mit s 3 viel Welt und Wirklichkeit, oft auch recht dunklet Art, Zusammentreffen, um ihn an ihr und nihr zu dem Menschen zu bilden, der er s einen geistigen und körperlichen Anlagen nach w erden kann. Diese Berührung mit der Wirklichkeit erzieht uns zu dem, was man Höflichkeit i ennt. Sie ist zu allen Zeiten das Bindemittel 2wi »chen Menschen gewesen, zugleich als Gebof der Welt Weisheit wie .der Welt k 1 u g h e i Höflichkeit ist im Grunde nichts anderes' als freiwillig geübte Zurückhaltung in allen Lagen. Oerade dadurch unterscheidet sich im prakti: chen Leben der wahrhaft Gebildete von dem Halb¬ oder Ungebildeten.; 'i f. v , - kJ.' '■■■ ■ Zurückhaltung zunächst sic 3. selbst gegenüber! Dazu bedarf e6 der Ueterwindung des gozentrischcn Standpunkts. Zu ückhaliung aus fahl wollen und Liebe, nich^t au: selbstgefälliger ' itelkeit. Zurückhaltung aus Dünkel ist nicht Bildung, sondern Einbildung, un i Einbildung ist immer ein Zeichen vön Dummheit. Die Zurückhaltung, von der hief diecRede st, stammt aus dem edlen Selbstbewußtsein, dai; aut Menschenwürde und Achtung yor sich selbst gegründet ist. Diese Achtung!1 vor sich selbsf verbietet idem gebildeten Menschen,, jedem beliebigen sein Inneres zy öffnen, oder, wie man so trelferid sagtj sich gemein jeu machen. In der Natur vollzieht si^h 1 das Größte, glühen und Reifen, lau los; im Märchen vermag eine)- das unterirdische Cotd nur schwer-, gend' oder'mit einem furzen Zauberwort zu heben. So Iwir’d auch ein -ent; /icklungsfähiger Mensch in seinen ^inereri Din jen diej gleiche stille Zurückhaltung üben.' Es jibt ein ^chö|es Wort, vom alten Matthias C'audi is, das,'^erdipnt festgehalten zu werden: »Worte Sind nur Worte, und wo sie gar leicht und behende dahinfahren, da sei auf deiner Hut, denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter siet haben,!' gehen; langsamen Schrittes.« •*! ‘ Zurückhaltung in Kleidung urfd Schmuck! £fnfe k. Hand; überladen mit 1 fingen, - gehört. sicherlich einem Menschen, ae1' von, innerem Schmuck niieht viel weiß. Ebenso wird man einer immer auffallend gekleidet« n Dame wenig innere Kultur zuschrqjben dürfen.' Etwas anderes ist es mit geschmackvoller Kle düng. v So wie wir zu einem guten Bild einen pä$ senden'Rahmen wünschen, üö gehört zu einem; jeformten Menschen auch e ine geformte,Kleidurig Die Zeiten sind hoffentlich endgültig vorbei, wo rr an die Vernachlässigung des Aeußeren ^namentlu h bei geistigen Berufen als besonderes Kennzeichen von .Genialität betrachtete; wo man in den Witzblättern (nicht mit Unrecht) dei^ Professdr abgebildet sah mit uraltem, abgeschabtem Re ck, aus dessen hinterer Schoßtasche irgend ein Schnupftuch mitleiderregdnd tisches Gef Shl — 133 — hervorbaumelte, wünscht Einheit Unser ästhevon Innerem und Aeußerem, weil es im Aeußeren das Abbild des Inneren si6ht. Wir haben Fr6 ide an schöner Kleidung, vorausgesetzt, daß sin ihren Zweck erfüllt und zu ihrepi Träger pa3t. Das ist ja das Wesen des Geschmackvoll« ri, daß es in sich keinen Widerspruch birgt. D is sollte gerade bei der Mode berücksichtigt werden. Nicht jedes moderne Kleid steht jeder modernen Dame. Eine Frau, die Qeschmack hat,, wlrq zuerst ihren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.