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Der Orden Bne Briss · 1927-06-01 · Nr. 6/7 - Juni/Juli · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1927
Issue
Nr. 6/7 - Juni/Juli
Date
1927-06-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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1 i So gedacht — verlangen wir Wohlwollen . als Grundlage und Lebensprinzip für den Bruder — den Ben Briss. So gedacht — ist Wohlwollen in der Richtung auf Brüderlichkeit und Eintracht die Triebkraft aller kulturellen Leistungen, der wahre Motor der Kulturgeschichte der Menschheit. Beim schöpferischen Menschen wi.t<f Wohlwollen zur Leistung. Mit Recht stellt Beethoven in einer seiner Selbstbeichten seine Grundhaltung des Wohlwollenseiner feindseligen Lebensanschauung gegenüber. Es ergibt sich ^ine Frage: besteht diese Forderung vor Herz und Verstand? Ist sie weiterhin-als Weltprinzip über den Kreis des Ordens hinaus denkbar? Nur wenn beide Fragen bejaht werden können, kann man von einer berechtigten optimistischen Grundeinstellung des Ordens sprechen. ' Wohlwollen im Sinne unserer Auffassung war die treibende Kraft bei der Gründung unseres Ordens in Amerika Im Jahre 1843, als in der Heimat, der Heimatlosen das Chaos der Entwurzelten durch brüderliche Zusammenfassung auf dem Boden .dts alten Bundes (Bne, priss-: Söhne des Bundes) durch einsichtsvolle1 Führer in ein System der Ordnung übergeführt wurde. Wohlwollen in der tiefsten Erkenntnis jüdischer Notwendigkeiten führte im Jahre 1882 zur Gründung unseres Bundes in Deutschland, als die Menschheitsbünde der Freimaurerei ihren eigenen Daseinsbegriff durch konfessionelle Zwietracht uritergruben. *■ Die Grundhaltung des'Wohlwollens muß -sijch beim Ben Briss auf alle Lebensbeziehungen eijstrecken. Zunächst: auf die Familie. Neben der selbstverständlichen Fürsorge für die Erfordernisse der Lebenshaltung soll der Ben Briss als Familienvater ein Vorbild heroischer Lebensführung sein: er soll in den Lebensschwierigkeiten, die keinem Schicksal erspart bleiben, der Führer sein. Die Schicksale liegen viel mehr in den Seelen als in den äußeren Geschehnissen. Hier zu leiten — im Sinne des Wohlwollens — ist seine Aufgabe. Diese Leitung soll sich abspielen in der Verkehrsform der Freundlichkeit des Tages, wie ich es nennen möchte. Höflichkeit der Verkehrsformen Tn der Gesellschaft muß der Höflichkeit des Herzens in der Familie entsprechen. Hier wird viel gesündigt. Wille^ muß Galligkeit besiegen. Man soll sich zu Jlaüse »nicht gehen lassen«. * Wohlwollen muß Hilfe bringen dem Leidenden; »Den Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu kommen« — warum steht diese Forderung in unserem Ritual? — weil wir alle in gewissem Sjnn<[ — mehr oder minder — Opfer der Verfolgung sind und darum das tiefste Verständnis für Lieid haben. Die mögliche Hilfe — in diskreter Form! Nichti in der Form der »Wohltätigkeit«, des abgelebten Begriffes des Almosens, nicht mit der dünkelhaften Geste des Reichen, der dem Armen ^sichtbar vor anderen eine Gabe überreicht; d* Hilfe sei wie die Leistung zweier Kameraden die einen gemeinsamen Weg' gehen, zweie; Kameraden, von. denen der eine. d^n anderen stützt, weil dieser grade gestraucheltjist. Jede( kann das Opfer des Weges seih. I Ei wäre ein großes Ziel, wenn Vyohltyollen — im Materiellen — zum Opfer de? Maassei, des Zehnten im Einkommen, führte: — man sollte danach streben. Seine Einführung ist m auf der Linie des großen Ganzen möjglich. . Wohlwollen im Sinne des Ordens muß zu einer bestimmten seelischen Einstellung von Bruder zu Bruder führen: der Empfänglichkei für seine Interessen. Hier steigt ein tragisch! Konflikt in den großen Logen auf. Das Wort: »Wenn Du mich liebtest, so wüßtest |Du etwas von meiner Familie!« wird zumeist , nur in den kleinen und mittleren Logen Erfüllung finden. Nach Möglichkeit aber muß das Interesse da sein, erzogen und gesteigert werden für Familie, für berufliche und Logeninteressen des Bruders, welch’ letztere ja am ehesten,in die Erscheinung treten werden. Als)Ergebnis wird sich .einstellen: Achtung, Freundschaft,- vielleicht Liebe, vielleicht auch Ablehnung. All’ dies hängf ab von Person und Persönlichkeit. Nicht jeder kann mit jedem Fühlung haben. Wahrheit muß in der Mitte des Problems stehen. Da’tum muß ein strenger Ehrenstandpunkt gefordert werden. Nachsicht im allgemein Menschlichen darf nicht gleichbedeutendsein mit Vertuschung nicht zu deckender Schwächen oder Fehler. ‘Der Orden darf für sich in Anspruch nehmen, daß Wohlwollen in der Richtung auf Judentum durch ihn in stärkster Weise und auf breiter Grundlage gefördert worden ist. Immer mehr isfc die Erkenntnis der Einzigartigkeit des Judentums in breite Massen getragen worden, das Gefühl füp^ seine unvergleichlich geistigen Werte, sein Martyrium und seine Weltlehren, die Größe seiner Fortexistenz durch Jahrtausende, die Pflicht seiner Erhaltung durch Erben, die auf Würdigkeit Anspruch erheben. — 88 —

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