Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 5 - Mai
- Date
- 1927-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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I Feste der Erinnerung auf ihre Gebrechlichkeit hinsfoßen will, >äßt seinen Varklang an jedem Morgen dieses Monats vernehmen. Dann rufen die großen Stunden der Ermahnung und Sühnung, die Höhepunkte des gottesdienstlichen Jahres, wiederum nicht vereinzelt für sich dastehend, das Neujahrs- und das Versöhnungsfest, sonderjn mit einander verkettet durch die zwischen ihnen sich reihenden Tage der Buße. Und da endlich Entspannung und Erleichterung in den ■ Tagen-des Hüttenfestes, der fröhlichen Feier der;Obstr ur.d Weinlese, sich nahen, taucht am f siebenten Hoschana rabba auf, daran erinnernd, ' daß dem Sünder noch eine letzte Frist zur pmkehr gewährt ist, wenn er der Sühnekraft des Jom Kippur nicht mit voller Hingabe sein 1 '.Gemüt erschlossen. Tags darauf aber weiht /Schemini azeres die kommende— Winterzeit ein. Wie reimt sich - mit diesem Charakter des i,Festjahres, der doch jüdische Art und jüdisches; 5-WirkIichkeitse.ieben wiederspiegeln muß, die fast - zum Dogma gewordene Meinung von dem Optimismus zusammen,- der den Juden kennzeichnen soll? Kann man von einem jüdischen Daseins-; gefühl sprechen, das hell, heiter, leicht beschwingt ' uns die Tagansicht der Welt lieber enthüllt als { ihre Nachtseiten? Sind wir nicht gerade, die; Mehrzahl von uns, -im Gegensatz zu den meisten i unsrer Umgebung, die schwerblütigen, gedanken- : bebürdeten Menschen, die unnaiven, ewig reflek- - tierenden, denen zwar das Denken und Sinnen „nicht die Tat verschlägt, die aber unbefangene Frohheit, ein kindlich frisches Gemüt, denen die Schaffenslust dumpfe Sorge verscheucht, gewiß - weniger beglücken als andre? Was bedeutet in Wahrheit der vielberegte Optimismus,, den ( wir haben sollen? Wohl ist er vorhanden, steckt I iti uns gar tief, doch so tief, daß die übliche i oberflächliche Predigt von ihm an seinem eigent- {liehen Wesen vorbeigleitet. Er ist eine sehr abgründige reKgiöse, metaphysische Angelegenheit, *| die uns als >Optimismus< wohl nie zum Be- ' wußtsein gekommen wäre, wenn man nicht ge- Jglaubi hätte, mit diesem Schlagwort kurz und! schneidend die Weite des Abstandes zu treffen, der unsere Gesinnung von der spezifisch christlichen durch Erbsünde und radikale Verderbtheit jder Seele gekennzeichneten trennt* | Vom tiefgelagerten Prinzip aber führt ein gar weiter Weg zu seiner sichtbaren Auswirkung; ■ und -mögen wir immerhin gläubig daran festhalten, daß die Seele, die uns Oott gegeben hat, rein ist, den. wirklich Frommen in unserm Geschlechte hat das stets bedeutet, daß der Mensch den rechten Weg wohl finden kam], daß es :aber eine unsagbar schwere Sache ist, die Steife des Anstoßes, die Anfechtungen zi meiden, die aiif Schritt und Tritt uns auf diesej- Straße begegnen. Wer wirklich in den Grund des jüdischen Gemütes, das noch stark .und ungebrochen im Geist alter Frömmigkeit leb; einzutau^hen vermag, dem wird es schwer fallen, in ihm cjie gegenwärtig lebendige Gewißheit ztj. entdecken, daßj der Mensch gut ist; sondern e< "wird zu allererst ein unendlich starkes Gefühl von Sündhaftigkeit sich offenbaren sehen, feine so starke Regung von Schuldbewußtsein, dalj sie — wenn man so sagen darf — quantitativ] kaum hinter der gleichen christlichen Empfindung zurückbl^ibt. Wenn unsere Altvordern im Mittei-j alter^ vofi schwerster Verfolgung heimgesuchf uns von den Blutopfern erzählen, mit denen sie den göttlichen Namen geheiligt Haben, so vergessen sie kaum hinzuzufügen, daß dies um unserer Sünden willen geschehen ist. Ja, diej Ueberzeugung, daß Gott gerecht ist, daß alles| Leidvolle und Schwere, was der Mensch auf j dieser Erde erfährt, niemals gegen den heiligen Willen Gottes verstoßen kann, vertieft das Gefühl dj:r eigenen Unwürdigkeit. Man glaubt; an Gottes vernünftigen Plan, an seine Wartung! im -Dasein und im Geschick des Menschen; aber,die praktische Folgerung, die daraus bei] Unheil uhd Kummer gezogen wird, war viel seltener Verwunderung darüber, wie Qott solches konnte geschehen lassen, als'Vieltnehf die Aufforderung! die eigene Sündhaftigkeit sich zu bekennen, seineri Wandel zu prüfen. Oott hat dfem Menschen die Freiheit ge geben, er hat allles in seiner Hand behalten, nu: nicht die Furcht vor dem Himmel, die menschliche Tat; er h^t ihm die Tora mit der Fülle ihrer Gebpte verliehen, durch deren Erfüllung das Geschöpf; sich das Wohlgefallen des Schöpfers erringfen kann. Das ist die Theorie. Sie; schließt die Sündlosigkeit des Menschen nicht aus, so wenig wie umgekehrt die christliche Lehr^ von ] der ererbten Schuld eine einzige gute Tat der handelnden Person auf die eigene Rechnung zu stellen vermag- Aber in der Erfahrung dejr Wirklichkeit — und die ist ausschlaggebend — bleibt man doch überzeugt, daß die ^ahl der Frommen — das sind diejenigen, in denen Üas Gute das Böse überwiegt — hinter den] »Mitt weit zurückbleibt, Juden die ^ürde gedrückt hat als den ernsten Christen. erenc und den Frevlem gar so daß im Effekt den ernsten seiner Schuld kaum je weniger - 74 —