Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 4 - April
- Date
- 1927-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ilßt nach, die Stetigkeit des Arbeitens geht verloren; der Oedankenablauf vollzieht sich zwar schnell, aber flüchtig; die Handschrift wird mangelhaft, Haspeln und Stotterrt machen sich bemerkbar; ferner Abspannungs-, Unlustgefühle, Stimmungswechsel. Ernster zu | nehmen und gefährlicher sind Minderwertigkeitsgefühle, hypochondrische Anwandlungen und Angstneurosen, oft ausgelöst durch antisemitische Anpöbelungen der Mitschüler. Wie mancher Fall von jugendlichem Wandertrieb, von Zweifelsucnt, Verstellung, Lügenhaftigkeit, Respektlosigkeit i^nd »frechem« Benehmen mag psychoanalytisch j als »Abwehrreaktion« zu deuten sein, als unbewußtes Reagieren gegen die Rolle des Prügelknaberj. »Wer auf ein weiches Beet m)t Stiefeln tritt, zerstört zarte Keime.« (Jörn Uhl.) ' Den Angstgefühlen sind, wi|e Clara Ebert- München ausführt, gewisse »Hentmungen« verwandt, worunter »Nichtkönnen« (infolge unbewußter Vorstellungen zu verstehen ist. Das Kind hat das Gefühl, dies und jenes nicht zu können. Setzen sich solche Hemmungen fest, so werden ihre Träger zu unglücklichen Menschen, die nichts wagen, weil sie sich nichts Zutrauen; durch innere Widerstände gehemmt, sind sie dem Lebenskampf nicht gewachsen. Sie haben kein »Glück« im Leben. Glück und Erfolg sind ja fast immer nur das Ergebnis von Ausdauer und Selbstsicherheit, kurzum von seelischer Gesundheit. Die Pechvögel des Lebens sind jene Menschen, die nicht rechtwinklig an Leib und Seele sind: »oft gehemmte, verdrängte, vergewaltigte oder verkümmerte Opfer in Elternhänden.« Die Klagen Ober die Ueberbürdung des kindlichen Geistes; durch die Schule sind oft übertrieben. Natürlich ermüden in der Großstadt die yveiten Schulwege und beeinträchtigen, durch Abkürzung des Morgenschlafes, die kindliche Aufnahmekraft. Aber einen großen Teil der Schuld, daß unsere Kinder »nervös« werden, trägt die Familie, die an sich so herrliche Anhäufung der Elternliebe und ihre Nachgiebigkeit bespnders gegenüber dem »eiifzigen« Kinde. Die meisten Kinder sind nervös, weil die Eltern nervös und zu thre^ Erziehung ungeeignet sind.' Die angeborene gesundheitliche Anlage wird durch die Umgebunjg und Erziehung wesentlich beeinflußt. Mit Rejcht weist Stromayer darauf hin, daß Kummer imd Sorgen der Eltern den Kindern oft etwas Sentimentales, Weltschmerzliches, Verbittertes geben, daß steter Umgang mit Erwachsenen Altklugheit und frühe Blasierti J heit verleiht. Die Eindrücke I nElternhaus sind von tiefer Wirkung auf nervös empfindliche Kinder. Eltern, die ihre eigenen Stimmu ttgen und Gefühlsausbrüche nicht meisfern können,, vermögen auch das Affektleben ityrer Sprößlir ge picht günstig zu beeinflussen. Diese Kinder werden auch ihr eigenes Afft ktleben nicht disziplinieren können. Es fehlt ihnen besonders die Abhärtunggegen »Schmerz«. Fast ajle nervös Veranlagten oder nervös Gewordenen neigen zu Wehleidigkeit, die jedes Unbehagen übertreibt; sie sind seelisch »verweichlicht«. Im »Ertrageti-f<önnen« liegt, nach Dr. Goetz - Leipzig, ein' gut Stück Kulturarbeit, und wenn es sich 2U£h zunächst nur um Ertragen von Schmerzen bei leichten Verletzungen, wie sie bei Handarbeiten sjch ereignen, handelt. Mancher Mensch wirft - später vdie Flinte ins Korn, weil er nie einen Druck hat ertragen können. Das verweichlichte Muttersöhnchen möchte nicht einmal die kleinste Blase am Finger in Kauf nehmen! Ist also k i n d t i c h e »N-e r yos i t ä t« zumTeil auf Erz i e h u n g .s f e hl e r zurückzuführen, so muß gut geleitete v e r s tä,ndige Erziehung das Neben system kräftigen/ und widerstandsfähiger machen können. Der etwas grob klingende Et fahrt mgssatz ides alten Landarztes: »Ach was, .gnädige Frau, Nerven! Runter vom Sofa! Kn ochenarbeit ist das b e s t e M i 11 e lg egen Stimmungen und schwache Nerven!« muß für unsere Kinder sinngemäß lauten: »Lernt Eure1 Muskeln, r besonders die der Hand, unter die Herrschaft des Willens zu bekommen.« i■ In der Stärkung de» Willens, in der Bildung des Charakters licg$ neben dem eugeni schhygienische n.Wjert der wichtigste Angelpunkt des Handfertigkeitsunterrichtes. Fteiß'und Ordnungssinn werden.;jefördert, in den trockenen Schulunterricht kommt Geist und Körper erfrischende Abwechslung, besonders, wenn er aucl^ im Freien, t i Schulgärten, in Ferienheimen usw. siattfindet.Die Arbeit kräftigt die Muskeln, besonders die hl andrnuskeln; Appetit, Blutumlauf und Brustkastenentwickelung werden günstig beeinflußt. Cie Kinder, die so oft an nervösen Oefäßsiörutigerf leiden und dadurch blaß ausseheri und Frostgefühl haben, werden besser »durchblutet«; die Abwechslung zwischen geistiger und manueller Tätigkeit verhütet die geistige Uebermüdüng, Sie bricht das bei geistigen Menschen alt' eingewurzelte Vorurteil gegen die körperliche Arbeit. (Handarbeit ist eine Art Nervengymnastik, sie entlastet das 61 -