Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 4 - April
- Date
- 1927-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I tianer, einmal Hegelianer war und daß er ganz notwendig zu Spinoza | gelangte.' Es kam für ihn darauf an, daß er die Persönlichkeiten suchte, die groß denken, die mit Charakter gedacht haben. So «ist ihm Spinoza höchst verehrungswürdig geblieben, auch als er irgend eine geschlossene, philosophjsche Weltanschauung nicht mehr anerkennen; wollte. In seiner ungewissen noch romahtisch dämmernden Jugend hatte er sich vorgenommeh, große Veränderungen in der Welt des Geistes hirbeizuführen. Für einen schöpferischen Denket hat er sich selbst nie gehalten. Aber mit einer Elastizität, die vor keiner neuen Erfahrung versagte, fand er sich in die neuen, in die notwendigen Gedankengänge ein, durch die eine lichtbedürftige Menschheit sich hindurchsuchen, mußte. Brandes ging zu den Comte und Buckle, zuj Mill und Taine, die alle nicht tiefe Schöpfer, wjohl aber bewegende und richtunggebende Oeistei’ gewesen sind. Sie schienen ihm einmal so notwendig wie später Nietzsche, der ihm mit seltener Befriedigung zu seinen wenigen europäischen Lesern rechnen dürfte. ] Wir haben uns über! Brandes etwas geärgert, als er in seinen »Zejtströmungen* gerade j die deutsche ' Romantik recht kühl abfertigte. ' Die Schlegel und Tieck sind für uns so gut tot; wie für ihn. Aber die Kleist, Novalis, Hölderlin sind aus dieser literarischen Nachbarschaft zu einer Höhe aufgewiachsep1, von der man auch auf die Zukunft sieht und auf neue Aufgaben der Menschheit, wenn sie sich erneuern will. Was Brandes unsefer Romantik förmlich übel nahm, das war ihrj Blick jin die Vergangenheit, ihre Sehnsucht nach dem Ajlittelalter, ihre religiöse Veranlagung, das war besonders ihre historischpolitische Wirksamkeit, die aus der Tradition die Forderungen der Rasse,! der Nationalität und auch der engen lanc|schaft herausholte. In der Rom ichen Verbundenheiten antik bekämpfte er die Reaktion des 19. Jahrhunderts. Brandes war eben nie nur Literaturforscher oder Kritiker, wie er Js'ich ja‘ apf keinem dieser Gebiete als eigentlicher Forscher oder Gesetzgeber verhielt, sondern er wollte Aufklärer, Aufwiegler, Aufrüttler bleiben. Den geheimen Streit, ddn etwa* Thomas Mann lund andere Enkielder Romantik gern zwischen Zivilisation und Kultur aufdecken, hat ihn nie angefochten- Mit dieser J Unbekümmertheit, mit diesem Willen zum Fortschritt blieb er ein Sohn des 18. Jahrhunderts, jund als er in hohen Jahren zu Ooethe zurückkehrte, fand er sich wunderbar bestätigt durfch diesen universellsten Geist, der Kultur und Zivilisation, Kunst] und Wissenschaft, Schöpfung und Forschung in gleicher Wage hielt, in dessen Reiche der Baum des Lebens auch der der Erkenn nis \yar. Wenn Georg Brandes irn. Mittleren Laufe seines Lebens gern mit den Realisten, der modernen Soziologie ging, so führte ihn die Einsicht, daß die Humanität, auf die alles schließlich ankam, sich allein aus der ästhetischen Erbschaft des alten Humanismus nhjht mehr erhalten konnte, daß sie sich auch' von di*r Naturwissenschaft nähren mußte. Der Mersch hatte sich erst als bedingtes Geschöpf, daun als geistiges Wesen zu begreifen, in dem die Natur sich ihrer, selbst bewußt wird. .Kein Dogma durfte über ihm hängen bleiben, seine Freiheit jerrang er aus der gesetzlichen Notwendigkeit, vi^nn es über und außer der Natur nichts zu furchten, nichts zu erwarten gab. So gelangte ßfrandes über die moderne Soziologie, diiden Mfihschen aus seinen natürlichen Bedingungen, aus seinen Abhängigkeitsverhältnissen erklärt, wießer^ zu Goethe zurück, der das 'Geschöpf wieder zum Schöpfer erhebt, in dem Natur zu Geint wird, Fragen wir nicht, inwiefern dieser Hellbjlickende noch Rationalist bleibt, um mit Goethe nicht zu den Müttern hinabzusteigen, um.nicht init ihm in die unerforschliche Sphäre versinken zu können, die doch als eine religiöse bezeichnet {werden muß. Brandes hat sich auch von seihen ge-' liebten Vorbildern immer pur das sagen lassen, was er brauchte,'öder-was, Europa für seine Rüstigkeit und Gesundheit. gerade zu brauchen schien. ■ ‘ " ' , Dieser für das Talent so empfindl £he Kritiker hat schließlich immer Tat Wirkung, Charakter gebücht, und zwar'mit dem Gelingen, daß er selbst an Charakter zuger ommen . hat. So gewann er das Vertrauen E uropäs und so wurden besonders diey $chriflen seinör hohen Jahre zu Bekenntnissen, die ünsern Willen klären und stärken sollen. So wurde es fa^t gleich, ob er sich mit Julius Caesar in der Ajitike, mit Shakespeare in der Renaissance, mit Voltaire im 18., mit Goethe im 19. Jahrhundert, aufhielt. Die großen europäischen Geister machte er zu seinen Zeitgenossen, um, nicht zu sagen, zu Aktualitäten. Der Historiker wird uns über die Zeit Caesars, der Literat .über* eine neue Einzelerkenntnis die Ooethes kaum vermittelt haben. Wollte er doch weder das.eine noch das andere sein. Man weiß, daß Brandes ein großer Nehmer war, daß er bloßen Wissenss off da aufhob, wo er ihn fand, und wir haben ihm hinterher auch - 55 - I