Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 4 - April
- Date
- 1927-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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eine nationale Häuslichkeit, in der eine Opposition 'von solcher Energie die Wände zu sprengen drohte. Ibsen1 ging ins Exil. Hermann Bang schweifte in der Welt umher und starb wfe ein rechter Zigeuner irgendwo auf einer Südseereise. Georg Brandes hat sechs Jahre seines mittleren Alters in Berlin verbracht; trotz seiner Reiselust, seiner Beweglichkeit, seinem großen geselligen Bedürfnis biieb er dann in Kopenhagen auf seinem Posten, den er gegen Verdächtigung und Herabsetzung immer mehr mit der unstörbaren Laune eines alten Kämpfers verteidigte. Geduld ist die Tapferkeit der Geistigen. Es kommt darauf an, daß man da bleibt, daß man sidi behauptet, daß man sich immer wieder durch Leistungen beweist. So ungefähr hat auch . Goethe gesagt, von dem Brandes wiederum sagte, daß er kein Held, so wenig wie Shakespeare war. Aber er war ein Mann. Wenn Brandes es schließlich in einem kleinen Hause, in einer engen, lastenden Um-, gebung aushielt, wenn er niemals in Erstickungsgefahr geriet, . so lag es gewiß daran, daß er immer in Europa gelebt, immer in weiten geistigen Räumen geatmet hat. Ganz gewiß war er dänischer Patriot, aber er verzichtete auf Schleswig-Holstein^ als auf einen überlebten dynastischen Anspruch. Brandes verzichtete nicht darauf, von seinem kleinen, aber in der europäischen Gemeinschaft bestätigten Volke die j kulturelle Leistung, die geistige und sittliche Bewährung weiter zu fordern. Hat er doch selbst, da sein Geist eine Macht wurde, den Ruhm seines Landes mehr als irgend ein anderer Vermehrt. Wenn aus "dem Dänen und Skandinavier so bald der Europäer heraustrat, wenn sich in ihm die nationale Spannung des 19. Jahrhunderts in einem größeren europäischen Bewußtsein’ beschwichtigte, so kam ihm zweifellos .zustatten, daß er Jude war, daß er zu dem 5interdrüc|ctesten Volke der abendländischen Geschichte* gehörte. Gewiß, in dem bürgerlichliberalen’ 'besonders liebenswürdigen, in dem nur gegen Aufrührer unbequemen Kopenhagen ließ man ihn kaum fühlen, daß er zu einer anderen Rasse oder Religionsgemeinschaft gehörte. Und er selbst hat in seiner Jugend kaum «twas;;vön minderer Berechtigung oder auch nur von Ausnahmewesen bemerkt. Georg Brandes -wuchs noch in einer hellen, denkenden Zeit heran, in der die Rässereinheit oder die Rasseschnüffelei noch nicht erfunden war, in der die wirtschaftliche Enttäuschung des Kleinbürgertums noch'nicht nach dem großen Sündenbock suchte, in der vor allem noch die Humanitätsgedanken des 18: und des frühen 19. Jahrhunderts nachwirkten. Seine Jugend, sein Mannesalter fieen noch in eine Periode, in der dürfnis sich in schwacher das religiöse Be- Anspruchslosigk eit begnügte, in der es sich besonders von jeder vor einem kultu- So erzählt wie - konfessionellen Färbung rellen Rückschritt zu scheuen jschien. Brandes voh seinen Eltern, daß sie sich kaijim mit irgend einem wärmeren Öemütsanspruch |zü ihrer Glaubensgemeinschaft rechneten, wie ihnen auch aller Zusammenhang, silbst der Gewobm heit und Pietät, mit der Ueberläeferung des Kul us verloren gegangen war. Aber Blut ist dicker äls Wasser. Und besonders {dicker als das allzu klare Wasser der Indifferenz. (— Nur ganz einfältige oder ganz starrsinnige Menscheiji glauben dann, daß sich ein jüdisches Rassengepräge in der modernen Kunst nachweisen läßt. Israels malt so holländisch, wie Liebermann deutsch mjalt. So sagte Brandes im Alter und er fügte hinzu, dah das grobe Netz der Rassentheörie zumeist aus Löchern bestände. Für ihn, den Dänen, war Heinrich Heine epn großer deutscher Dichter und ein deutscher Patriot. Aber Heine wurde -ein großer Europäer, ein Soldat jder Freiheit, eben weil er Judej war, durch seline Abstammung allzu enger Denkart entwachsen, zu einer freieren verpflichtet, nicht Demokrat von Geblüt, vielmehr Revolutionär und Aristokrat zugleich, also von der doppelten Empfindlichkeit gegen Unterdrückung und R|echtsverkümmenjmg wie gegen Banausentum gnd Parteidespotie. Von seingf Abstammung eitipfing Brandes dieselbe Gentütsfarbe, er wurd^ als Freier vgeboiren mit demselben Stolz, .mit derselben menschlichen Souveränität als Sohn einejs Volkes, das sich ohne realen Machtbesitz alleiln als geistig sittliche Gemeinschaft, durch die JahjrJausende behauptet hat. Es iist für Brandes, wenn man so sagen darf, zu einem Glaubenssatz! geworden, daß das Judentum itrotz seiner Fähigkeit der Assimilierung an so viele. Nationen die Gesamtverpflichtung tragen mußte, der Menschheit als Avantgarde zur Menschlichkeit voranzugehen. Nach weltschmerzlich-jpessimistischen, Jilso noch spät omantischenjugeiidjahren ging Brandes in die Schule der klassischen deutschen Philosophie, und er bemerkt ^azu, daß die rationalistisch kritische Veranlagung der Mutter, also ererbter jidischer Geist ihn zu den Forderungen der kritischen Vernunft anhielt. Es kommt im einzelnen nicht darauf anj daß er einmal I<[an- 54