Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1927-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sieh namentlich auf dem Felde seines Schaffens, als der unbestrittenen Domäne seiner Persönlichkeit, jeden Zwang und jede Beeinflussung, ■hier war er unbeugsam und wies jeden zurück, der ihm das Recht der freien Persönlichkeit streitig machen wollte, den Fürsten nicht minder wie die Dienstmagd. Die Ueberzeugung, daß der Menschheit Würde in die Hand des Künstlers gelegt sei, verläßt ihn auch nicht irf den äußeren Lebensbeziehuhgen. Schon früh erschließt'sich ihm die Erkenntnis, daß der Musiker an dem sittlichen Aufstieg und an der Veredelung des Menschengeschlechtes mitzu- *vyfrken habe. Hohes Verantwortungsgefühl beseelt ihn. »Höheres gibt es nicht, als der Gottheit sich mehr nähern, als andere Menschen und von hier ays die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht zu verbreiten.« Mit Beethovens Selbstgefühl verband sich die innigste Hingebung an solche, die er seiner | Freundschaft für würdig hielt. Sein Freund- * Schaftsgefühl steigerte sich bei ihm oft bis' zur qualvollsten Selbstanklage, wenn er sich einmal % bei seinem aufbrausenden Temperament eines Unrechts gegenüber einem Freunde schuldig gemacht hatte. »Ich habe die Gabe«, so schreibt er,; »daß ich über eine Menge Sachen meine Empfindlichkeit verbergen und zurückhalten kann; werde ich aber einmal gereizt zu einer Zeit, wo ich empfänglich für den Zorn bin, so platze ich auch stärker heraus als jeder ändere.« Unter der oft rauhen Hülle seines Aeußeren barg sich ein feinfühlendes Gemüt, treuherzige Aufrichtigkeit und großer Zartsinn. Diese Eigenschaften machten ihn zum Liebling der Frauenwelt Zutraulich, gutmütig und sorglos war er gegen alle, die ihm nahe kamen. Mitleid war derJGrundzug seines Herzens.' Für eine herumzieheude'Müsikantengesellschaft setzt er Walzer und schreibt selbst die Stimmen dazu aus. Dem Schüler Ries, den er in Not weiss, sendet er unaufgefordert eine größere Summe Geldes, die er nicht wieder zurücknehmen will. »Nie von meiner Kindheit*, so charakterisiert er sich selbst »ließ sich mein Eifer, der armen leidenden Menschheit mit meiner Kunst zu dienen, mit etwas andrem abfinden oder es brauchte nichts andres als das innere Wohlgefühl, -das dergleichen immer begleitet« Unjd bei/einer andern Gelegenheit: »Nicht als Künstler sollt ihr mich größer, sondern auch als Mensch sollt ihr mich besser, vollkommener finden, und &t dann der Wohlstand etwas besser in unserem Vaterland*, dann i soll meine Kunst sich nur 2 um Besten der Arnien zeigen.« Beeth >vens vorbildliche Wohltätigkeit ist ein Ergebnis seiner Religiosität, Sein Glaube war frei /on überlieferten pogmen, erhaben über all« s Konfessionelle der katholischen Religion, zu der er sich bekannte, gleich wie die Musik seiner Missa solemnis über die einer bloßen Begleitung des katholischen Hoch- . amls hin lusgeht; sollte sie ja, wie er selbst sagt, ganz allgemein »„sowohl, bei Singenden als Zuhörern religiöse Gefühle erwecken und dauernd macien,« Wie alle großen Künstler war Beethoven Pantheist, der inj Walten seines eigenen Dänons das Wehen der Gottheit spürte. |»lch weif wohl, daß Gott | mir näher ist wie den ande h in meiner Kunät; ich gehe ohne Furcht m t ihm um; ich haf)e ihn jedesmal erkannt und verstanden«, so heißt es in einem Gespräch mit Bettina und sojverstehen wir auch, wie Beetl oven selbst bei den härtesten Schick- ]salsschlägsn sein gläubiges Herz sich rein erhalten ko inte. Die ärgste Prüfung blieb ihm nicht erspart. Er würde ja bekanntlich schon in junger Jahren taub. Aber dieses furchtbare Unglück, das jeden schwächeren Charakter ver. nichtet hatte, hat ihn nur gereift. »Schon in meinem ::8. Jahre gezwungen, Philosoph zy werden. , .«, beginnt ein Satz in seinem berühmten Heiligenstädter Testament. Aus dieser philosophischen Grundstimmung ergibt sic 1 ein letzter Charakterzug Beethovens, sein unve wüstlicher, grimmiger und im Tiefsten mitfühlender Humor. j „Dieser Humor bedeutete für Beethoven die letzte Ret ung vor dem Erdrücktwerden durch die Wucht cjles Tragischen! Er bedeutet nicht nur hoch;t gesteigertes Kontrastempfinden, vielmehr ist er die Entspannung aus der furchtbarsten Wucht der Gegensätze von Werden und Vergehen, von Leben und Tod," nicht des einzelnen allein, sondern der Welt und der Menschheit. Gerade auf diesem Hintergründe der schwersten Tragik bestätigt er den Satz Platos, diß der kundige Tragödiendichter auch der kunc ige Komödiendichter sein muß. Als gelehrigei Schüler Platos konnte sich Beethoven bei dem Anblick aller Torheit, Schlechtigkeit und Häßlichkeit des Menschen innerlich zu jenem Lachen echten Humors befreien, in dem nichts von Hohl und Spott lebt, sondern nur Liebe .und unwandelbares Vertrauen in die verborgene Harmonie, in die Güte und Schönheit der Welt vor den Augen Gottes. 34