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Der Orden Bne Briss · 1926-12-01 · Nr. 12 - Dezember (12.1926) · p. Seite 202

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1926
Issue
Nr. 12 - Dezember (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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Und am Schlüße seiner Rede: »Nur auf der Grundlage einer alle Staaten umfassenden Gemeinschaft, ohne Unterscheidungen und auf dem Fuße völliger Gleichheit können die Gedanken der gegenseitigen Hilfe und der Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des menschlichen Oeschickes werden. Nur auf. dieser Grundlage können sich die Grundsätze der Freiheit verwirklichen, für die jedes Volk kämpft wie jedes menschliche Weteen. ’ Aut die Rede des deutschen Außenministers antwortete Briand mit einem Hymnus auf die Segnungen des Friedens jgnd* gab damit nach Jahren die Antwort auf Walther Ratherau’s Ruf nach »Frieden, Frieden« in Genua. Der Hinweis auf die Folgen dieses Genfer Friedensgeistes für die europäische Politik mag in diesem Zusammenhang genügen, und ich will von der politischen Abschweifung zu unseren ureigensten Arbeitsgebieten kommen, zu unserem Orden Bne IJriss. Sind wir uns klar über die Aenderungen der Geistesverfassung der europäischen Vö.ker während der letzten Jahre, haben wir neue Ideen in das Ordensleben hineingebracht, ist es an der Zeit und notwendig, von einer erneuerungsbedürftigen Wirtschaftsgesinnung im Ordensleben zu sprechen? Dabei will ich vorweg bemerken, daß ich es nicht als meine Aufgabe ansehen kann, die Stellung eines Ben Briss im Wirtschaftsleben oder in wirtschaftlichen Fragen im allgemeinen zu besprechen. »Das Moralische versteht sich immer von selbst.« Es versteht sich auch von selbst, daß die hohen ethischen Grundsätze des Judentums und unseres Ordens in Handel und Wahdel, im Verhältnis des Unternehmers zu Angestellten, im geschäftlichen Verkehr von Brüdern untereinander und mit anderen ihre ausschlaggebende Rolle spielen müssen. sIch möchte heute lediglich kurz skizzieren, wie unser gesamtes Ordensleben von einer'bestimmten Wirtschaftsgesinnung beeinflußt wird. Auch oder geradd an der herrschenden Wjrtschaftsgesinnung muß sich erweisen, ob der Geist des Orders stark genug ist, seine Tätigkeit so auszubauen und zu erhalten, wie es für die Zwecke und Ziele .unseres Ordens erforderlich ist Meiner Ansicht nach hat sich in den Kreisen unseres Ordens im Laufe der letzten Jahre eine Auffassung der wirtschaftlichen Lage eingenistet, die in vielen Fällen die Tätigkeit des Ordens gelähmt und gehindert hat Diese Auffassung einer hoffrtungslösen Lage des deutschen Wirtschaftslebens und der Lage des jüdischen Mittelstandes hat ihren Niederschlag gefunden in der Forderung nach großzüger Hilfsaktion durch Schaffung von Hilfskassen, in dem Ruf nach amerikanischer Hilfe, in der Zurückstellung vieler kultureller Notwendigkeiten, in der Niedrighaltung von Mitgliedsbeiträgen, in einer großen Scheu vor materiellen Lasten und Belastungen jeder Art Ich weiß, welche Opfer die letzten 10 Jahre von den Brüdern der deutschen Logen gefordert haben. Ich weiß, wie groß die Zahl der Brüder i^t, die nicht mehr in der Lage waren und sind, für sich und die Ihrigen zu sorgen. Ich weiß, welche Lücken die Wirtschaftskrise in die Reihen des jüdischen Mittelstandes gerissen hat. Aber ich weiß auch und behaupte es mit Entschiedenheit, daß weit über das notwendige Maß hinaus ein Pessimismus, eine ängstliche Sorge um das Morgen,1 Uebermorgen und Künftige eingerissen ist, die nicht mehr mit dem Geist unseres Ofdens zu vereinbaren ist. Ohne Zuversicht und Optimismus kann man weder Kranke besuchen, noch Witwen und Waisen unterstützen, ohne lebenskräftige Bejahung der Zukunft Wissenschaft und Kunst nicht pflegen, ohne den felsenfesten Glauben an die eigene Kraft und an die Kraft des Ordensgedankens das Edle undi Gute nicht fördern. Und dieser Geist eines! gesunden Optimismus, eines geisteskräftigen Vertrauens in die Zukunft muß vom Oeistigen hinüberwirken in das Materielle und Wirtschaftliche. Ich sage nichts Neues, wenn ich betone, daß wir uns in der deutschen Wirtschaft auf der aufsteigenden Linie befinden. Es wäre verfehlt — und ich möchte nicht unterlassen, darauf hinzuweisen —, anzunehmen, daß die Weltwirtschaft und die deutsche Wirtschaft alle Schwierigkeiten bereits überwunden haben und daß zur Sorge und zum Nachdenken kein Orund mehr vorhanden sei. Auf der andern Seite aber muß jeder Einsichtige anerkennen, daß wir die heutige Lage nur richtig einschätzen können im; Vergleich zu den Zeiten, die wir hinter uns haben, und da bedarf .es wohl kaum weiterer Ausführungen, daß^ wir uns in einer — 202

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