Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 11 - November (11.1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 192 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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.1' nicht einseitig den Verstandesdenker bevorzugt, wird schon durch sein schönes Wort bewiesen: »Voltaire allein — das wäre zu kühl; Rousseau allein — das wäre zu schwül«. — Ihm schwebt wohl eine schöne^harmonische Verbindung von ^■' Verstand und Gefühl als das Wünschenswerteste J voj. — Und letzten Endes ist sie (bei allem j Uebergewicht des Verstandes) doch schon in £ ihm selbst verwirklicht. Wie (nach Hegel) jede .J.ebenserscheinung, schlägt auch der Rationalismus auf der Höhe um — und dies gerade in?len besten Rationalisten. DenuSokrates raunte . sein Daimonion zu: »Treibe Musik!« — und Popper erlebte sich — vielleicht zu eigener Ueberraschung — als Dichter — und als in seiner Art durchaus nicht geringen. Sehr wunderlich Bei einem Menschen, der von Haus aus gar keine ästhetisch-literarische Natur war, der in ‘ isein^r Selbstbiögraphie einmal ausdrücklich be-;;kennt, daß ihm Verse früher immer widerwärtig .-./gewesen seien — bis ihn dann freilich eine . ' naiv-stürmische, lebenslange Begeisterung für > Schiller überkam. Als »Lynkeus« trat der Dichter Popper in die Oeffentlichkeit, und der 1 Deckname war sicher gut gewählt: luchsäugig die Dinge durch und durch blickend, hellsichtig das Zukünftige schauend — so war Josef Popper. Sein dichterisches Hauptwerk, die ebenfalls immer noch viel zu wenig gekannten und geschätzten »Phantasien eines-Realisten ,' waren das erste Buch, das mir von ihm in die Hand geriet. Ja, dieser »Rationalist« * hatte Fülle und Beweglichkeit des Geistes und Wärme des Herzens genug, um sich sozusagen ' selbst auf den Kopf steigen und gleichsam sich selbst zum Trotz Dichter sein zu können. Dabei halfen ihm noch sehr beträchtliche schriftstellerische Gaben. Kostbar erzählt, ein kleines Kabinettstück und Meisterwerk, ist z. B. die Luther - Novelle, in der ein Rabbi mit geradezu überwältigender Dialektik den seine theologischen Dogmen, polternd-verteidigenden ' Luther mattsetzt . . . Und noch eine andere kleine Geschichte möchte ich aus der Fülle bunter Erfindungen, sinnreicher Gleichnisse herausheben: die Erzählung vom Einzug des Königs Asoka, bei dem die Menge in dichten Reihen neugierig-gaffend ansteht und die Hintenstehenden plötzlich den Wunsch haben, ihren Vordermännern möchten die Köpfe abfallen, damit sie selbst nur besser sehen könnten — aber siehe: in diesem Falle hat ’dgr Wunsch schauerlich-magische Kraft der Verwirklichung, und das vielleicht nur verhohlen im Unter bewußtsein Begehrte — geschieht. Ein an sich naiv-harmloses Verlangen hat sich ins Zynisch-Verbrecherische gewendet — nur weil die unglaubwürdige Erfüllurig den gedanken- und rücksichtslosen Egoismus beim Worte genommen hat ... Vielleicht ist es kein Zufall, daß ein anderer jüdischer Autor, Jakob Wassermann, seinem besten Werke, dem Kaspar Hauser-Roman, den Untertitel »Die Trägheit des Herzens« gab. Trägheit des Herzens!: gerade das ist es, was auch Popper-Lynkeus zeitlebens bekämpft hat — und für diese edelste Aufgabe waren ihm alle Mittel — wissenschaftliche, denkerische, polemische, dichterische — recht. Eine große Idee, e i n großes Gefühl steht im Mittelpunkte jener großen sozialreformerisehen Vorschläge, die noch verhältnismäßig am bekanntesten von ihm geworden sind: die Liebe zum Menschen, die Achtung vor dem Individuum, die schonungsvolle Ehrfurcht vor jedem, auch dem unbedeutendsten Menschenleben. Man hat wohl nicht unzutreffend gesagt, } er sei Sozialist aus Individualismus. Man höre ihn selbst und das Motto, das er seiner Schrift »Das Ich und das soziale Gewissen« gegeben hat: »Grundprinzip einer gesitteten Gesellschaftsordnung«: »Wenn irgendein selbst noch so unbedeutendes Individuum, das keines anderen Leben mit AbsichLgefährdet, ohne'oder gar wider seinen Willen aus der Welt verschwindet, so ist das ein ungleich wichtigeres Ereignis als alle politischen, religiösen oder nationalen Ereignisse und als, sämtliche! wissenschaftliche, künstlerische und technische Fortschritte aller Jahrhunderte und Völker zusammengenommen. — Wer das für Uebertreibung hält, der möge nur denken, er selbst oder eine von ihm selbst geliebte Person wäre jenes Individuum — und sofort wird er es verstehen und glauben.« — Ueber Poppers sozialreformerische Ideen ( unterrichtet man sich am besten 1 aus seinen | Werken: »Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben« (sozialphilosophische Betrachtungen, anknüpfend an die Bedeutung Voltaires für die neuere Zeit), ferner »Fundament eines neuen 102