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Der Orden Bne Briss · 1926-11-01 · Nr. 11 - November (11.1926) · p. Seite 191

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1926
Issue
Nr. 11 - November (11.1926)
Date
1926-11-01
Page
Seite 191 (sequence 7)
Language
German
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I der Europa um Generationen voranleuchtete, mit einem Ehrendoktorate auszuzeichnen« — und der junge Popper, der schon damals erfinderische, umwälzende und vorwärtsbringende Ideen in sich trug, konnte seines Judentums wegen nicht einmal eine bescheidene Assi stentenstellung an der Wiener Universität erlangen! — Es ist rührend, in seiner so anspru :hslosen, von der beliebten Memoirenpose völlig freien »Selbstbiographie« zu lesen, wie ei sein frühes Erfindertum nun als Privatmann, unter Entbehrungen, ja unter körperlichen Martyrien und Gefahren, betätigte. — Auch ein Vorläufer der modernen Flugtechnik i st er ja bekanntlich gewesen. — Zwischen' West* und Ostjudentum gestellt, aus beiden erstaunliche Kraftquellen schöpfend, verblüfft uhd beglückt dieser Geist schon bei erster und flüchtiger Bekanntschaft durch das Ausmaß seiner Vitalität, seiner * geistigen Aktivität und Produktivität ... Aber die haben, wenn auch rn geringerem Grade, manche mit ihm gemein; den [Vollwert gibt ihm erst ein hinzukommendes Dreierlei: eben jener außerordentliche menschlich-etihische Inhalt und, was sich ja' unmittelbar damjit verknüpft, seine unbedingte geistige Ehrlichkeit und Lauterkeit — sein idealer kritischer Unabhängigkeitssinn. Wie sich in ihm überhaupt bestes — wenn auch vielleicht nicht schlechthin tiefstes und genialstes — Judentum verkörpert, so ist auch sein Kritizismus (sofern rhan ihn überhaupt rassenhaft verankern will) van bester jüdischer Art — ohne jenen ,ihm mit mehr oder minder Recht zugeschriebenen Beigeschmack von eitler Nörgelei und Besserwisserei, von zynischnichtsrespektierender Ehrfurchtslosigkeit. Echter jüdischer Kritizismus wie der Poppers stammt vielmehr aus Ehrfurcht und mündet in Ehrfurcht. Popper ist das, was schon Schopenhauer als das Seltenste des Seltenen rühmt: ein Selbstdenker — weltfern jenen gedanken- und erlebnislosen Oeistern, die nur demj unkritischen Blicke Selbständigkeit vortäuscHen können. Nicht ein Verneiner, sondern ein Bejaher menschlicher Größe ist der einzig-wertvolle Enthusiasmus: der kritische Enthusiasmus, der auch Mängel und Makel des Helden, aber darüber hinaus dennoch den Helden sieht .. Sein weiteren Kreisen Voltaire- Buch wieder i fast unbekanntes - in mancher Hinsicht sein vielleicht umfassendstes und persönlichstes Werk, , weil es »aus Anlaß« Voltaires ein ganzes Rundbild seines eigenen Weltdenkens, Weltfühlens entrollt — diese schöne, warme Ehrenrettung .. de| zumeist aus verschiedensten und nicht sehr i hochwertigen Gründen verkannten, und geschmähten Voltaire würde allein schon die echte Begeisterungsfähigkeit unseres Popper-Lynkeus zu erweisen genügen — zumal da er sich hier nicht etwa in der Bewunderung Voltaires erschöpft, sondern eine ganze, persönliche Helden- ~ galerie an uns vorbeiziehen läßt. Natürlich ist es kein Zufall, daß er sich gerade Voltaire zum Helden wählt. Achtzehntes Jahrhundert, Aufklärung, Humanität: hier liegen Seine Wurzeln, hier grüßt er seine Ahnen. Und. es ist’ gewiß ■: nichts Geringes, daß er sich als Erben dieses Oeistes, dieser Geister fühlen darf. —r ‘Denn wenn wir im Zeitalter der technischen wie der nationalen Ueberreizungen etwas dringend brauchen, so ist es gerade dieser halbverschollene und nur in wenigen erlesenen Natiirert nachlebende Oeist der Humanität, ~ Es ist interessant und zugleich für Poppers geistige Weite bezeichnend und ehrenvoll, daß,er-, der Erfinder und Naturwissenschaftler, — der sich auch schon früh Anerkennung und Dank'eines großen Naturforschers (Robert Mayer, 4£s Entdeckers des Oesetzes von der Erhaltung der Kraft) verdiente — daß gerade er als einer der Ersten den nur bedingten Wert/und die Unzulänglichkeit einer einseitigen technisch zivilisatorischen Entwicklung erkannte und dar legte (in der 1886 erschienenen Schrift »Die technischen Fortschritte nach ihrer ästhetischen und Jcul- * turellen Bedeutung«).— Wir sahen freilich: er ist seinem Helden Voltaire ein in vielen Stücken verwandter Oeist, und man wird daher rasch bei der Hand sein, ihn als »Rationalisten« abzüstempeln. Aber man täte ihm unrecht, wollte man ihn für ’ einen Scheuklappen-Rationalisten halten.’ Er selbst geht über den engsten Rationalismus .hinaus. So unterscheidet er einmal ausdrücklich Verstandesdenker und Oefühlsdenker und die aus. beiden gemischten Typen. In ihm selbst überwiegt wohl der Verstand; doch. darf man »Gefühl« hier \ keineswegs mit »Gemüt« zusammenwerfen — I denn Gemüt besitzt er 4 > \ * gerade —, als persönliches und rassfinhaftes Erbteil-*-im höchsten Maße. Daß er selbst aber 191

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