Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 11 - November (11.1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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: «'• f ’ V' / Und wenn unsere höchsten Feiertage den ernsten Namen »Tage der Ehrfurcht* tragen, so könnte nicht schöner das tiefste Wesen jüdischer Religiosität ausgedrückt werden. Und so sind auch gerade unsere Logen Träger "dieser »Religion der Ehrfurcht* Goethe sehen Sinne: Sie verehren das Religiöse, eine Gottheit, die über uns ist» sie pflegen Brüderlichkeit, d. h. Ehrfurcht vor dem, was mit uns ist, sie verlangen soziale Gesinnung, s. h. Ehrfurcht, vor dem, was ■ unter uns ist. »Aus diesen drei Ehrfurchten entspringt die oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst.» So führt das demütige Verhalten vor Gott und-der Menschheit . zur höchsten Menschenwürde, zu einer sittlichen und seelischen Vollendung, die das letzte Ziel des Logengedankens ist. Goethes aktive Teilnahme an den Sitzungen seiner Loge ist nach allen Berichten keine jsehr lebhafte gewesen. Innere Unordnung in ihren eigenen Einrichtungen mag zu dieser Passivität mit beigetragen haben. Aber um so leuchtender ist das geistige und menschliche Vorbild, das Goethe draußen in der Tat gelebt hat. Und so können wir die Worte des Kanzlers v. Müller in seinem Logennachruf auf Goethe auch für unseren Orden in Anspruch nehmen: »Wenn der edelste Zweck des Freimaurerbundes Erweckung und Verbreitung rein menschlicher Gesinnung, harmonische Entfaltung und Veredlung geistiger Kräfte, mit einem Wort Humanität ist — wer hat wohl dieserf Zweck folgenreicher gefördert, wer diese Aufgabe meisterhafter gelöst, als Goethe?« Josef Popper-Lynkeus Von Kurt Walter Goldsclimidt Die mannigfathsten Gedanken und Gefühle „.werden durch das Bild dieses noch viel zu wenig gekannten Geistes angertgt. Wie nennt man ihn nur? — Techniker? —Volkswirtschaftler? ' — Philosoph? — Kulturkritiker? i— Dichter? — Gewiß, all dies war er — und man gewinnt schon daraus sofort einen Eindruck von der m erstaunlichen Fülle und Vielseitigkeit seines Menschentums, seines Talents und seiner Lebensleistung. Liest man sich jedoch in die große Zahl seiner Bücher (die aber beileibe keine bloßen Bücher, sondern geronnenes Herzblut, kristallisiertes Lebgn sind), ja auch nur in einige seiner Hauptwerke ein, so findet man, daß sein Denken und Fühlen um wenige große Hauptmotive kreist, die er nicht müde wird, in vielfacher Wiederholung und Abwandlung dem Bewußtsein einer trägen, immer noch von Ur- trieben regierten, von uraltem Wahn geblendeten ‘Menschheit einzuhämmern. So merkt man ferner, daß alle diese Hauptmotive in ein einziges großes Urmotiv hinein- und zurückmünden — das sich . mit dem einfachen Worte »Menschlichkeit« umschreiben ließe. Dies ist ein Geist des leidenschaftlichsten Ethos; und - letzten Endes im Dienste dieses Ethos steht all jene erstaunliche Vielseitigkeit des Wesens und Schaffens. Das panzert ihn auch vor sich selbst und anderen gegen billige und dünkelhafte Einwände rein ästhetischer Art und Herkunft. DefPriimat' des Ethischen: das ist der entscheidende Wesenszug von Popper-Lynkeus. Wie man die Ein- und Vielstrahligkeit seiner Natter im Oberbegriff und »Generalnenner« des Menschlichen. oder des Denkerischen mit gleichem Rechte zusammenfassen könnte — So vielleicht mit noch größerem Recht in dem des Weisen und darüber hinaus des Heiligen. Und er hatte auch das typische Märtyrerschicksal des Weisen und Heiligen. Ja, er gehört - nach wie vor zu den wenigst bekannten, wenigst gelesenen, wenigst gerühmten Autoren. Man kann wirklich fast das bekannte. Wort von den Frauen auf die Autoren übertragen: »Die besten sind die, von denen am wenigsten gesprochen wird. Es kommt hinzu, daß Popper ein Unzünftiger, Titelloser — und daß er Jude war. Immer wiederholt sich das Schiller-Rousseau’sche »Monument von unsrer Zeiten Schande.« Die Hochschulen Deutschlands und Oesterreichs fanden sich (nach Coudenhove-Calergis Wort) »nicht bereit, diesen großen Sozialpolitiker und Ethiker, 190 -