Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 11 - November (11.1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1 als zustimmend verhalten — und doch wäre auch »Goethe« für eine Bne Briss-Loge eine würdige Bezeichnung. Das Gesamtwerk Goethes, wie wir es heilte überschauen, ist nicht formelhaft festzulegen, sondern als Ausdruck einer großartigen Entwicklung zu bewerten, wie sie kaum einem zweiten modernen Menschen zukommt. Es ist bekannt genug, daß diese Entwicklung ’den ganzen. Kreis menschlichen Werdens aus-! schreitet. Goethe ist weniger national gebunden, als die anderen klassischen Geister, seine Humanität fließt aus dem leidenschaftlichen Drang -nabh einer menschlichen Vollendung, die alle ganz großen, schöpferischen Persönlichkeiten zu kosmischen Erscheinungen macht. Diese ewigmenschliche, übernationale, im wahrsten Sinne »kosmo«-politische Einstellung ist es auch gewesen, die immer wieder jüdische Geister zu einer Beschäftigung mit Goethe angeregt hat. Von der Begeisterung der Rahel und der Berliner Salons bis zu Oeiger, Bielschowsky, Emil Ludwig, Gundolf und Simmel hat Goethe immer wieder in Juden warme Interpreten gefunden. In Goethe sahen sie den Menschen, der als Prototyp einer vollen, umfassenden Menschlichkeit betrachtet werden darf, die »gut und böse wie die Natur« über Zeit und Raum hinaus gültig ist. Nicht der idealisierte Goethe, der »Olympier« mancher Literaturgeschichten, ist der Mensch, der als Bild vor uns steht, »des, was wir werden sollen,« sondern gerade der ewig Ruhelose, dei} in stetiger Entwicklung Begriffene, der von einer Stufe zur anderen Emporsteigende, der am Ende seines Lebens von sich sagen konnte: »Denn ich bin ein Mensch gewesen, und.;das heißt ein Kämpfer sein,« er ist der Mensch Goethe. Man erkennt leicht, daß ein Geist wie Goethe nicht achtlos an der Logenbewegung seiner Zeit vorübergehen konnte, daß er Stellung nehmen mußte zu dem Logengedanken, der ja trotz der verschiedenen Einkleidungen in der Freimaurerloge wie in unserem Orden das gleiche Ethos zeigt: Wo der Gedanke einer Voliendbarkeit im Menschlichen so gepflegt und gefördert wird wi£ in den Logen, da mußte Goethe Geist von seinem Geiste spüren. Und so hat er denn auch teilgenommen an den Bestrebungen der Freimaurerloge »Amalia« in Weimar. Hier interessieren uns weniger die äußeren Daten seiner Logenzugehörigkeit (am 23. Juni 1780 wurde er als »Lehrling« aufgenommen, ein Jahr später zum »Oesellen« befördert und am 2. März l}82 auf die Meisterstufe erhoben) als die inneten Beziehungen, die Goethes Wesen mit dem Sinn und der Einrichtung der Loge verknüpfen Da ist zunächst das wichtige Kapitel der Form, der alle Logen, auch die unsrige, so hohe Bede jtung beilegen. Man weiß, daß Goethe namentlich in seinen späteren Jahren den größten Wert auf »Formen« gelegt hat. Zudringliche Besucher haben ihm diese absichtliche Zurückhaltung a s geheimrätliche Steifheit, einseitige Beurteiler als Pedanterie ausgelegt. Aber dieses Betonen gewisser äußerer Formen hat bei Goethe tiefere Gründe. Es ist das Wissen um die Zusammenhänge zwischen Geist und Form, die Erkenntnis, daß auch das Letzte, Tiefste sich I | nur in gewissen äußeren Formen manifestieren kann, daß jeglicher Form durch diesen geistigen Ursprung etwas Ideelles, Heiliges anhaftet, das unbedingte Verehrung fordert: »Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte.« Und der Einzelne kann im Goetheschen Sinne nicht schöner seine Zugehörigkeit zum Reiche des Geistes offenbaren, als daß er diese Formen als Symbole achtet, ßie Idee und Wirklichkeit mit einander verbinden. Üaß dabei den Formen einer höheren geistigen Gemeinschaft, wie sie die Logen darstellen, besondlere Symbolkraft zukommt, hat Ooethe in der Trauerrede auf seinen Freund und Logenbruder Wieland ausgesprochen: »[Wieland] verleugnete sich nicht, daß gerade unter diesen, vielleicht seltsamen Hüllen zuerst unter die rohen und sinnlichen Menschen höhere Begriffe eingeführt, durch ahnungsvolle Symbole mächtige, leuchtende Ideen erweckt, der Glaube an einen über alles waltenden Gott eingeleitet, die Tugend wünschenswerter dargestellt und die Hoffnung auf die Fortdauer unseres Daseins sowohl von falschen Schrecknissen eines trüben Aberglaubens als .von den ebenso falschen Forderungen einer lebenslustigen Sinnlichkeit gereinigt worden.« Wenn die Formen des Logenlebens eine ge» wisse »seltsame Hülle«, etwas Geheimnisvolles zeigen, so entspricht das auch durchaus Öoethescher Auffassung. Er ist zu allen Zelten seines Lebens ein Freund des »Geheimnisses« gewesen. Von den Mummereien und Verkleidungen der Straßburger und Frankfurter Zeit über das Wei- 188