Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 6/7 - Juni/Juli (6.1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I Um so ungestümer tobt heute der Kampf. Mein Vater hat einst in einer groß angelegten Rede über den Zionismus, in der er die: bekannte Rabbinererklirung zu rechtfertigen und zu begründen unternahm, das ’ Wort geprägt: »Ich will nicht sagen, daß wir nicht den Müt hätten, grob zu„sein wir haben nur nicht die'Fähigkeit dazu. Diese Fähigkeit scheint die Vorsehung dort für überflüssig zu halten, wo die Sache der Wahrheit ist.« Ich will nicht so giob sein, geradeaus zu sagen, wo die Grobheit heute am stärksten ist. Das eine aber darf ich aussprechen: Das Bibelwort: »Keiner ist so fromm, daß er sich nicht versündigte«, besteht auch in diesem Falle zu recht. - Es gibt eine Art der Polemik, die den Gegner nicht nur sachlich zu widerlegen, sondern persönlich lächerlich zu; machen und zu beschämen sucht. Sie schwelgt förmlich darin, ihn vollkommen zu erledigen. Einige unter den führenden Meistern des deutschen' Stils, unter ihnen Männer jüdischer Abstammung, haben sich auf diesem Wege Lorbeeren zu erringen gewußt. Das verfehlte seines Eindrucks nicht auf den Streit, der in der zweiteh Hälfte des vorigen Jahrhunderts innerhalb des deutschen Judentums entbrannt war. Die Wortführer beider Richtungen gingen in diesem Betracht! in die Schule zu den deutschen Helden der Feder. Die dort gewonnenen Waffen führten sie mif in den Kampf für ihre Ueberzeugung. Inzwischen ist, sieht man ab von bewußten Hetzaposteln, Ehrabschneidern und Verleumdern, von der Tonart der völkischen und antisemitischen Kreijse, der Ton ein anderer, milderer* und ruhigerer geworden in den Kämpfen des Geistes. Aber im jüdischen Parteikampf herrscht noch cf'e alte Methode, ja sie übertrumpft' sich selbst, j Ein jüdischer Gelehrter glaubte vor einiger Zeit Hillel, den Meister des Gesetzes, darum angreifen zu sollen, weil er dem Heiden <ds Antwort auf seine Frage, worin das Wespi des. Judentums bestehe, die Antwort gegeberi habe: »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, p Der * betreffende Schriftsteller, der diese Auskunft eine platte genannt; hat, scheint nücht zu wissejn, daß .kein geringerer als Franz Delitzsch einst den gleichen Vorwurf erhoben hat. In einer 1 deinen Schrift, »Jesus und Hillel«, gibt der beiühmte christliche Theologe seinem j Erstaunen carüber Ausdruck, daß vder große IGesetzeslehrer die ganze eine --so drückt er sich wörtlich aus —'»armselige feierte Religion habe zusammenfa; sen Sittenregel«. Hier wie dort i^t der ge- Ueberlieferer der Lehre gleicherweise wollen in mißve standen worden. Daß das Judentum den Glaub :n an den einen Gott lehrt, I atte der 'Heide gewuft, auch ehe er zu Hillel giikommer) war. Was iim dieser sagen wollte, war: Nur jn der Kraft 1er Menschenliebe bewährt und bekundet sich die jüdische Frömmigkeit; solange sie den Menschen nicht in dieser Hinsictt urnwandelt, hat si<! ihr Ziel nicht erreicht. Hil el filgtej allerdings hinzu: Alles andere ist dis Ausführung, gehe hin und lerne! Damals mißte das1 dem Heiden gesagt werden. Heute wissen wir es selber nicht mehr, daß das gänz: Gesetz und das ganze Judentum nur verstanden werden kann n diesem einen Gedanker. Der [Jerusalem! ische Talmud hat einen ähnlii hen Gesichtspunkt betont, wenn er sagt: Du Jude sprichst täglich das Wort »Liebe den Ev igen, Deinen Oott riit Deinem ganzen Herzen, Deiner gänzen Seele und Deiner ganzen Kraft, r Wer Gott liebt, lann nicht hassen. D i Devise unseres Ordens h ütet: »Wohltätigke t, Bruderliebe und Eintracht«. So sei denn lier Hillel unser Führer, cerseltie Hillel, der ge ehrt hat, liebe »den Friede i una kämpfe für ihr«. Unsere Alten meinen einmal, daß man auch cem Verbrecher gegenüber, ter der Todesstrafe rerfallen ist, nicht des Wores ve rgesfsen dürfe: »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst«, und si<; haben für die Praxis aus dem angeführten Schrift'vort die Folgerung und Mahnung geschöpft »Suche für ihn einen schöi len Tod aus.« Ich rede am wenigsten das Wort einem kraftlind saftlosen Judentum um mache aus meiner tiefen Ueberzeugung, daß <las Judentum nur erl iahen werden kann in engste r Verl indung mit se ner geschichtlichen' Ueberlieferung, und daß es kein Recht hat, sich von die ser ziT lösen, wahrhr ftjg kein Hehl. Aber der K impf darf nur ein Mttiel sein und niemals eir Ziel! Der Midras :h hat die feine Bemerkung gemac it, daß beim zweiten Tage der Schöpfut g das Wort fehlt: jUnd*Oott sah, daß es gut war«. Warum die Schrift es hier wegläßt? An liesen Tage trenntei sich die oberen und die unteren Wasser. Diese Scheidung war notwendig. Oott [selbst mochtet säe nicht entbehren. Aber gut nannte 8S —