Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Schüchternheit der einen noch von der höhnischen Böswilligkeit der anderen aus der Welt geschafft werden. — Auf den Naturalismus blickt man seit langem etwas verächtlich herab, aber gerade heut lenkt man doch wileder teilweise zu einer Art Naturalismus auf höherer Stufe zurück. Und so ist man auch heut wjieder fähig, dem Ernste jenes Naturalismus, seirier Sachlichkeit, Frucht-, oarkeit, Andacht zum Kleinen gerecht zu werden. Man braucht in der Biljdkunst nur die Namen - Menzel und Liebermann j zu nennen. Man sieht: ernster, sachlicher WirkjHchkeitssinn, der gewiß das beste Teil jenes Naturalismus ausmacht, ist gewiß kein jüdisches Rassenmonopol, aber doch auch ein Grundzug jüdischen Wesens. Freilich hat man gerade den Naturalismen Liebermanns die jüdisch* kühle Gehirnlichkeit vorgeworfen. Aber das ist nur eine jener schnellfertigen, klischeehaften Abstempelungen, unter denen noch jeder Bessere zu leiden hatte. Wer in der phrasenlosen, unsentimientalen Sachlichkeit Liebermanns nicht die schöne gebunderi'e Wärme zu fühlen vermag, dem wird man sie nicht beweisen können. Und schließlich haben wir neben Liebermann nocjh einen so unmittelbare Wärme ausstrahlenden ^Naturalisten« wie J ö s e f' Israels! — Liebermaqin hat übrigens genügend persönliche und rassig^ Beweglichkeit und Fülle besessen, um sich nicht im engsten Naturalismus festzulegen, sondern sicjh in den Impressionismus hineinzuentwickeln. Im literarischen hjlaturalismus scheint der jüdische Beitrag geringer; immerhin begegnen uns auch hier Namen iwie etwa Georg Hirschfeld. — Unmerklich jgleiten die literarischen Phasen und Typen ineinander, und zusehends stärker wird der jüdische Anteil — zeitweilig so stark, daß er an Ufeppigkeit grenzt und der modernen Literatur ein stark jüdisches Gepräge gißt. Der Naturalismus nimmt mehr und. mehr eine Wendung ins Psychologische, erweicht und verfeinert sich zur Eindruckskunst— die gerade die zartesten sinnlichfseelischen Werte festzuhalten strebt — und j schlägt schließlich in die sich an raffinierten Formreizen berauschende Neu-Romantik um, diel aus der brutal-lärmenden Außenwelt in die Traumwelt des Inneren flüchtet. AU diese Entwicklungen sind vom jüdischen Geiste mit erstaunlicher Kraft und Fülle durchlebt und künstlerisch ausgewertet worden. Und das isj wohl kein Zufall; hier wirkt tiefere Ver^ wandtkchaft. Es ehrt den jüdischen Geist,,daßr ihm gerade das Massive, Rohstoffliche, des Früh- Naturatismus nicht »lag«, daß er ecst in den verfeinerten und bereicherten Werten der Folgezeit sich selbst wiederfand. Hier war der Punkt erreicht, in dem Zeitgeist und jüdischer Geist fast restlos verschmelzen konnten. Insbesondere W i ein hat bekanntlich in dieser Periode .'eine erstaunliche Zahl großer jüdischer Talente gestellt,: Man braucht die Namen kaum zu nennen — aber wie charakteristisch, daß gerade I das psychologisch-dialektische .Drama in. Schnitzler, das zugleich bewußt Schürfende und imystisch-versponnene Lyrodrama' ih Hofmannsthal, dem Dichter hoher Nefveri- und Formkultur, seinen Meister fand! — “ _ Es folgt die Periode aufgewühlter Cbaotik und fformzersprengepden Expressionismus.' Ob- 1 wohl völlig umwälzende und umwertende Ereignisse wie Weltkrieg und Revolution dazwischen liegkni ist doch auch hier der Uebergarig keineswegs so schroff und unvermittelt; wie es zunächst scheinen mag. Es ist vielmehr ejn stetiges und folgerichtiges Fortschreiten von der Aeußerlichkeit zlur Innerlichkeit.. Was hätte einer Rassenveranlagung mehr entgegenkommen können, die von je geradedurch seelische Inbrunst mächtig war, wie es der weltliterarische Gipfel ihrer religiösen Dichtung bezeugt — die ferner trotz ihrer großen, auch bildkünstlerischen Talente im Wesentlichen doch der Bildhaftigkeit abhojd war, wie sich schon aus dem biblischen Verbot. sich ein Bild von Gott zu machen, ergibt!'— Gerade das zugleich Ekstatische und Abstrakte dieser . neuen Kunst und Dichtung mußte dieses dem Extremen überhaupt. > und besonders diesen Extremen geneigte Rassen Naturell aufs stärkste anziehen und befruchten. Mögen die Zweifler und Böswilligen immerhin von kalten Gehirn-Ekstasen sprechen:‘die Kälte ist in diesem Falle wohl mehr im Auge und in der Seele des Zweifelnden und Schmähenden', jedenfalls war hier eine wohl wieder -in einseitiger . Richtung übertreibende, aber ganz auf Innenwerte gestellte Kunst, die alte Formen sprengte, weil diese den neueti gärenden Inhalt nicht mehr zu fassen vermochten und zunächst der Weg z|i neuen Formen freizumachen war. Auch dieses » revolutionäre Element lag natürlich ‘dem jn chro- _ 67 —