Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 2 - Februar (2.1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Um den in mir wachgerufenen Widerstreit zu lösen, prüfte ich zunächst an Hand des zur Diskussion gestellten Gebetabschnittes selbst, ob darin nicht die an jenem Abend aufgedeckte Zwiespältigkeit als etwas dent Verfasser Bekanntes zu entdecken sei. Zwar ist das Lob des göttlichen Ernährers recht au4 dem Vollen geschöpft, und im hebräischen Text klingt rein und fest die Schönheit der IForm mit des Inhalts Fülle zusammen. Fürj Zweifel. an der Vollkommenheit unserer Ernährung scheint da’ kein Raum. Aber der erste Satz: »Gepriesen seist du, Herr der Welt, der die ganze Welt speist mit seiner Güte, mit Gunst, Gnade und Barmherzigkeit gibt er Brot allem Fleisch« läßt aus des Beters Seelentiefe das Bekenntnis steigen, daß er abhängig, sein Broterwerb ein Gnadengeschenk ist, das gewährt, aber auch entzogen werden kann, wie ja in der Tatsache des Betens von vornherein das Zugeständnis des menschlichen Hilfs- und Anlehmlngsbfdürfnisses ausgedrückt ist. * Dem zur Erörterung gestellten Problem war ich damit kaum näher gekomme n, und, wie es leicht sich ereignet, gesellte s ch zum ersten Zweifel ein zweiter. . y , Wie können wir Gottim Tischgebet preisen: »Er tut allen gut und bereitet Sp üse allen seinen Geschöpfen«, wenn wir daran denken, daß wir Lebendiges töten, Fülle von Leben vernichten müssen, um uns zu sättigen? Düster bietet sich*so die Verflechtung von dem erschauernden Auge.’ Wir können sie lichtvoller gestalten, wenn wir uns wissenschaftlicher Betrachtungsweise bedienen. Wie das gemeint ist, mag Plato klangvoll sagenr »Ein Geschenk der Götter an die Sterblichen erachte ich die Gabe, in Vielem das Eine zu sehen; einen ne haben die Himmlischen zu uns und jetzt erst zündeten sie uns des Licht.« Folgen wir dieser Leuchte ei jen Prometheus herabgeschickt, ein hell lodernner einheitlichen Auffassung, einer Zusammenfass ung des Vielerlei vernichten die einzelner Tiere Einheit Mensch in Eines, so sehen wir: Wohl einzelnen Menschen eine Unzah und Pflanzen, aber wenn wir in ein Verhältnis setzen zur liidheit Getreide, um als Beispiel das für uns wichtigste Nahrungsmittel zu wählen, dann ergibt sich zunächst in Leben und Tod selbstverständlicher Einfachheit: je mehr Gefreide vorhanden ist um so günstiger sind die Bedingungen für die Aufzucht und Ernährung des Menschengeschlechts. Drehen wir aber diesen Satz um und beginnen wir mit: »Je mehr Menschen vorhanden», so müßten wir rein mathematisch fortfahren, um so geringer müssen die Existenzmöglichkeiten des Getreides werden; denn die Menschen zehren es auf: Aber das Leben, das ja durch die Mathematik nicht zu fassen ist, ve'kündet uns im Oegenteih je verbreiteter die Menschheit, uni so. günstiger die Wachstumsve hältnisse für die von ihm. gezwungenermaßen gepflegte und verbesserte Gräserart.' Das soeben angeführte Beispiel läßt sich auf alle Pflanzen und Tiere ausdehnen, die der Mensch zu sjeinem Leben braucht. Wie aber ist es, in der) freien Natur, di,e seinem Einfluß entrückt ist? j Nicht faßbar für. Uns ist da die Verschiedenheit von Lebensformen' und -bedirigungen in \Xfässer, Luft und Erde,. und A man s'ollte tneinenj das sei so, um ein möglichst reibungsloses; und friedfertiges Nebeneinander zu gewähren.j Aber e$ fällt ein Tier das andere an, die Pflanzenwelt scheint eine wehrlose Beute jedem Angreifer, und doch stellt sie,'gerade in ihren niedersten Formen, den Bakterien, einen verheerenden Gegner im ’ Kampf gegen Tier- und Menschenreich. Ein nimmersattes, gierendes Ringen und Morden tobt in der -belebten Natur. ( Aber durch Raum und Zeit, soweit Menschensinne reichen und begreifen, braust und-wuchtet der unaufhörliche Gang einer immer erneuerten, mit Kraft und Schönheit strotzend geladenen Lebensfülie^ Aber wenden wir den Blick von dieser überwältigenden Furchtbarkeit, der großen Welt und versenken wir ihn in die Betrachtung einer, kleinen! Als eine solche, als einen großen Mikrokosmos können wir den , menschlichen Körper zum Muster nehmen, Denner ist zusammengesetzt aus. einer unübersehbaren Zahl kleinster, einzelner Lebewesen, den Zellien, von denen, wie in der großen Welt, keines für; sich existieren kann, sondern jedes auf das andere eng angewiesen ist. Seitdem die Wissenschaft dank dem Mikroskop Einblick in das wundersame Bild besitzt," weiß sie, daß den einzelnen Zellen eine wesentlich i — 27