Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1924
- Issue
- Festnummer zum Ordenstage : Oktober 1924 (10.1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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verlorenen Krieges! gewaltsamje Allheilmittel zu haben behaupten. ^D:e JugencJ vermag in ihrem Kraftgefühl (len tiefen Fall des! Vaterlandes nicht zu begreifen., Sie hat keine Geduld. Die Formel: Lieber tot als Sklajve« reißt sip hin und gilt ihr als heldisch. Die -(Einsicht, däß ein Volk nicht sterben darf, daß es größer is|, mit einem Martyrium belastet in länger stetiger Arbeit den Weg zur Freiheit allmählich zu bahnen,) gewinnt der jugendliche Mensch nur schwer. Die Wirkung dieser Tendenzen yvird dadurch vertieft, daß in den letzten Jahrzehnten der deutschen Geschichte die Bedeutung dei Ideen im iVölkerleben stark unterschätzt, wurde. Sehr irrig galt die Gewalt als ausschlaggebender Faktor. Der sehr relativ richtige Satz: »6Je Zukunft ist nur. die Vergangenheit, wie sie eintritt durch ein anderes Tor* offenbart in' diesem Zusammenhang seine folgenschwere Tragweite. Dies lodernde Feuer'des begeisterten Hasses muß gedämmt und gelöscht, die eigensüchtigen Beweggründen entsprungene Zwietracht muß überwunden werden. Es wäre unverantwortlich, wollte man untätig zuschauen und die Heilung dem natürlichen Verlauf der Dinge überlassen. Wer das Wort yom Wiederaufbau nicht zur Phrase werden lassen will, hat die Pflicht, mit vollster Kraft an der Heilung .mitzuarbeiten. Es muß leider ausgesprochen werden, daß diese Auffassung im deutschen Judentum noch keineswegs Allgemeingut ist. Noch gibt.es Schichten, die so in ihren .eigenen Angelegenheiten aufgehen, daß Sie diese Verpflichtung, die ihnen dem deutschen Volke und dem Judentum gegenüber, also doppelt, obliegt, nicht erkannt, hahen. D?e Bekämpfung dieser Indolenz erachte ich [für eine ethisch« Arbeit, die in das Wirkungsgebjiet unseres Ordens fällt. Seine Aufgabe ist i es, [die Liebe zum Vaterland zu vertiefen, seine Angehörigen in der Erfassung!und Erfüllung sit't^cher Pflichten zu schulen und sie zu veredeln. Weckt er so die Kämpfer für den Streit, so jbleibt ihm nach-seiner Satzung die politische Bühne selbst verschlossen. Taktik und'Strategie des Kampfes bestimmen andere Faktoreh. Diese Arbeitsteilung ist klar, folgerichtig und unwidersprochen. Der Orden soll dem politischen Tageskampfe fernbleiben. Freilich hat er nicht bloß, diel Lauen und Gleichgültigen aufzurütteln/ Er. hatl auch die weitere Pflicht, Verkünder derSitt-i lichkeit 4t sein und den Idee i eine bahnen. In der Geschichte der spielen c.i; morJischen Kräfte eine Rolle. Verrohung urd Entsittlichung führen zunjl Verfall. S ihlägt aber eine sittliche Idee Wurzeln, I Schicksal weil die ereilt sie breitet sit sich aus, so «eher, wir reicjhe Früchte reifen. J r cob Wassermann hat einmjal gesagt: »Das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einjzdnen Person; sein Charakter ist,.sein Gasse zu Menschheit ungeheure Dieser Satz ist durctaus richtig. Und \|ölker länger leben als die Individuen, ihr Schicksal um so sicherer. Unzweifelhaff ist nun die deutsche Gegeinwart arm an sittlich :n Kräften. Neben vielen anderen unübersehba en Erscheinungen ist geradje der Antisemitismu > und seine rohe brutale Auswirkung ein unwic erlegliches Zeugnis dafür, i Die h otwendigkeit der sittlichen Erneuerung wird oft anerkannt. In ungezählten Fällen ist es aber nur ein Lippenbekenntnis, eine Phrase, deren sic l falsche Propheten bedielten. Dem Kreise dei ehrlich Strebenden zu Hilfe zu kommen, das Schwergewicht eines großen und an Per-, sönlichkeiten nicht armen Kulturbundes hier einzusetzen, scheint mir eine dankbare Abgabe unserer Logengemeinschaft zu siein. Trotz aller Kantfeierr ist unsere Zeit ganz und gar unphilosopl isch. Sie ist auch arm an wahrer Rdigiosit it. Diese beiden verschütteten Quellen jeder Etl ik freizulegen und leistungsfähig zu machen, lalteTch für eine notwendige und verdienstlich s Ofdensarbeit. Mein Gedankengang wird du ch folgendes Zitat unmißyerständlich klar: »Das Sittengesetz verbietet die Massenbeurteilung. Es gebietet die jBeurtejlung jedes seiner Untertanen für sich nach dem Maßstabe der Unparteilichkeit und Gerechtigkeit. Es iist kein Massen-, sondern Individual- und Personalgesetz. :s richtet seinen Befehl an den einzelnen und schiitzt den einzelnen.« j »Es bedroht Grundfesten der Sittlichkeit* und damit des Staats¬ und Reef tslebens, wenn man Menschen wie eine Schafherl^ oder wie eine Ladung Ziegelsteine nach dei 1 Handelsprinzip der Ware von mittlerer Güte uni Beschaffenheit beurteilt.«1) Hiei hat unsere Arbeit einzusetzen, und es muß tief gepflügt werden. Denn nur wenn man die Wurreln freilegt, kann zwingend erwiesen — 138 - ') Einst Marcus »Das Gesetz .der Vernünft«, S. 54 ff.