Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1924
- Issue
- Nr. 9/10 - August (8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Furchtbar waltete die immanente Gerechtigkeit schon zu Lebzeiten' mit seinem Schicksal. Dieser Mann, der alle Güter der Welt zu vereinigen schien, Freiheit und Gesundheit, Wissen und Reichtum, Geist und Kultur, dessen kostbares Gespräch für einen einzigen Abend eine lange Reise lohnte, dieser überreich beschenkte war freundelos und wurde am leichtesten von denen verraten, die sich seine Freunde nannten. Er wußte es woh und sprach in seltenen Augenblicken mit Bitterkeit. »Das Geheimnis der Persönlichkeit ist: Stärke aus Schwalche : das ist eine von Rathenaus allzuklugen, unbewußten Enthüllungen. Immer schrieb er gegen Persönlichkeiten, die sich amoralisch durcnzusetzen wüßten, ja, er greift Nietzsche mit Meister dieser b Jen Priesterworten an: »Den Ösen Kunst hat man als Ueberschaft fruchtbar nicht eingestand, menschen gepriesen. < Ein neues Zeichen verdrängt Motive. In Wahrheit hat keiner stärker sich selber gewollt als er, und war mit seinen großen Gaben durchaus der Mann, dies Ich, wenn er nur erst hinaufgelangte, für die Gesellzu machen. Dass er sich dies daß er zum mindesten der Welt es gern verhülleh wollte, machte die Menschen stutzig, und noch der erbärmlichste Gegner, der irgend eine Gemeinheit gegen ihn nachstammelte, brachte, von oben gesehen, ein Fünkchen,Wahr- “heit in seinem [Vorwurf mit. Lassalle gestand sich, daß nur kein Genie die Aufgabe erfüllen könnte, und sprach vom Einzuge durchs Brandenburger Tor; Ratnenau, dem jede Naivität abging, fand niemand auf der Welt, dem er seinen gesunden Machtwi^len auch nur geheim anvertraut hätte. j Muß man ihn nicht beklagen? Mit welchem Ausdruck sah dieser Mann sich abends in dem Spiegel, wenn er von den Menschen kam? Ein paar $tunden lang hatte er, der nie Poseur und nie Causeur gewesen, die Macht seines Geistes gespült, auf Landsleute gewirkt, die ihm mit neugieriger Skepsis, auf Ausländer, die ihm mit Spannung zuhörten, mit seinem schönen Bariton, mit seiner herrlichen deutschen Diktion, mit einer nie endenden Fülle von Gleichnissen aus allen Gebieten äes Lebens und der Geschichte hatte er Urteile jausgebreitet, selbständiger, tiefer, begründeter als das meiste, was um ihn her gesprochen worden war. Vielleicht war heute abend ein junger Mann in diesem Kreise, der . staunend lauschte, welche Meisterschaft im W!ort und im Wissen liegen kann. ’.Mif gleicher Kenntnis hatte er von der mörgigen Politik y Chinas gesprochen und von der Zubereitung dieses Chateaubriand, von der neuen Öper und von der neuen Anleihe, von den letzten ägyptischen Funden und von den letzten Studien aus der Molekular-Theorie, alles, mit Gründlichkeit, nichts obenhin. I le R a t ll e n a u hat Englands Blockade taktisch gebrochen. Er wartete ein Jahr, bis ihn die Republik'?uts neue brauchte. , ■ * ■ \ - Er kannte die Schwierigkeiten, die sich ihm als \ Jüdin entgegenSteltten. _ Trotzdem nahm er die arotliche^Führung an: nun hatte er endlich die äußeren Zeichen einer Macht, die et seit Monaten übte. Die Konferenz von Genua stand vor der Tür. Vierzig 'Nationen würden um^inen,Tisch herumsitzen, ein Weltkongreß würde mit ewigen Runen die Namen der wichtigsten Abgesandten in den Baum der Geschichte graben. Rathenau wollte, ja er brauchte das Gefühl: an diesem'Hufeisen-Tische, saß auch ichf und ich war Deutschland. . j I * V. j- * *.’••• Und so geschah’s. Er saß nicht nur, er glänzte an dieser Tafel, weil er von den Klügsten eine;r war, weil seine große europäische Geste zum ersten Mal der Welt vor Augen führte, daß es auch andere Deutsche gibt. :Mit einem großen moralischen Sieg kehrte’ er Heim, die ganze öffentliche Meinung applaudierte dem ersten Staat$vertrage, der uns wieder in Aktivität zu versetzen schien. Es war Frühling, und er war auf deij! Höhe ^seines Lebens angelängt. Es wurde Juni I [und er lud die Häupter des neuen Deutschland! unter die alten .pichen'an’seinem Amtsgebäud^. An diesem Abend war Rathenau vielleicht glücklich. Wenig^ Tage später streckten ihn im Wagen ein paar Schüsse nieder. Der Mjannesmut, mit dem er seit Wochen dem angedj-ohten Attentate ins Auge sah, dies