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Der Orden Bne Briss · 1924-08-01 · Nr. 9/10 - August (8.1924) · p. Seite 99

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1924
Issue
Nr. 9/10 - August (8.1924)
Date
1924-08-01
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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Als vor 203 Jahren die ersten Logen gegründet wurden, da waren es Steinmetze, die eine Brüderschaft unter den Standesgenossen erstrebten; als vor mehr als 80 Jahren in Amerika der Bne Briss-Orden geboren ward, da geschah es, um den eingewapderten Juden die ihnen fehlende staatsbürgerliche Bildung und die daraus folgenden Rechte zu bringen; und als vor beinahe 50-Jahren der deutsche Distrikt entstand, da war der Grund wieder ein anderer — denn die Idee der »Loge« ist wandelbar —da war es die erste große antisemitische Bewegung, die wenige Juden zunächst zusarrmenfü zeugung dieser auch schätzenden Männer,' Eilands bedürfe, um Lebens Ruhe zu finder ihrte/ Es war die Ueberi'eut noch nicht genug zu daß man eines jüdischen für einige Stunden des im KrCise Gleichgesinnter. Es war das die Zeit Sozusagen vor der Demaskierung der deutschen Gesellschaft der 80 er Jahre. Das Billett, dai der Liberalismus mit der Emanzipation der Juden gegeben, es berechtigte zum Eintritt nicht ins Parterre, sondern in die — Fremdenloge; und am Schlüsse des Maskenfestes werden uns anstatt der Knallbonbons Handgranaten sugeworfen, anstatt der Konfetti Maschinengewehre gezeigt. Das ist das Ende ' der Emanzipation, auf Grund deren man geglaubt hat, man würde von allen begeistert in die Arme "geschlossen werden. Deshalb hatte man, dapiit jene traurige Zeit auch des Humors nicht entbehre, es peinlich empfunden, mit dem Zylinder am Rosch Haschonoh und Jom Kipur über die Straße zu gehen, halte seine jüdische Religion in eine mosaische umgetauft, das Gebetbuch in ein Zeitungsblatt eing ewickelt, auf daß die Gemüsefrau an der Ecfce glaube, man trüge eine Kiste Zigarren zum lieben — Onkel, Es war die Zeit, in der von Amerika aus über die Leute, die den Mut hatten, eine Bne Briss-Loge gründen zu wollen, Anfragen an die — Börse gerichtet wurden; in der 'jene kühnen Männer, deren Logehgründung; eine Großtat ersten Ranges bleibt, nicht 20 Teilnehmer in dem großen Berlin zusammenbrachten uid es erlebten, daß von den 19 zuerst zusanmenj betretenen nicht weniger als 10 Ürbgesprungen sind, weil ihnen die Sache allzujüdisch erschien;'ir der dann in der Vossischen Zeitung auf aem Wege der Annonce achtbare jüdische Herren zum Beitritt aufgefordert wurden. Mit Bewunderung blicken wir noch heute auf jene mutigen Männer vor fast, 50 Jahren, und wenn wir heut die siebente Loge in. Berlin begründen, könnten wir vielleicht denken:.. Wohl dir, daß du ein Enkel bist. Aber nein;- wir können heut nur sagen: Weh dir,, daß du es bist. Erbe sein ist wohl ein Glück, aber auch eine Gefahr; Erbe sein heißt aUGh Verpflichtungen haben, Pflichten erfüllen, die außerordentlich drückend werden können. An der Bibel braucht man nichts zu ändern; die Synagoge, die Chewra Kadischa, all die änderen religiösen Einrichtungen — man kann sie [unverändert übernehmen von den Vorfahren; sie sind Sanktionen in dem noch unentweihten Sinne des Wortes. Aber der Orden, der uns zut Zwiesprache mit der Ewigkeit zusammenruft, zürn Dienst an der Menschheit vereinigt, urts Lebendige für die Lebendigen, er muß ringefi mit dem Zeifs'chicksal durch Wandelbarkeit. Anders, als man gedacht zur Zeit seiner Gründung in Deutschland,« hat sich das jüdische Schicksal verändert. ' Beati mortui, glücklich die,, die gestorben: sind damals vor dfem Jahre 82 mit dem. Blick in die Zukunft der Juden wie in ein neues herrliches Kanaan. Die Entwicklung der Wissenschaft und der Presse, die Emanzipation und die Friedenskonferenzen, der Weltfriede und die Menschenverbrüderung durch das Freimaurertum, allesiließ den Gedanken - aufkommen, die Erreichung unseres Idealsist nah. Amerika wies damalsj den; Weg: Ab-* Schaffung der stehenden Heere, Beilegung von Streitigkeiten [der Völker auf t den Konferenzen, und was uns selbst besonders angeht; der Jude •als Vollbürger.l Das war der Traum der Gründer unserer ersten Logen; uns Kindern ist. jetzt dje Gewißheit trauriger Wahrheit geworden. Mit den Ghettomauern sind für uns .keine Vorurteile gefallen: Sozialismus, Presse, Wissenschaft, Technik, alles, alles hat vertagt. Amerika hat sich versteckt hinter der Wölke der Einwanderungsquote, das Land der Quäker sich bereichert an dem Blut der Gefallenen, auch dort in Amerika hat ein jeder Zutrift zum Weißen Hause, nur der'jüdische Sekretär des Besuchers nicht. Auch im kommunistischen Rußland, in dem man radikal alle Probleme gelöst hat, ist die Judenfrage ungelöst geblieben, hat män von neuen Ansiedlungsrayonsi gehört; alle Ketten hat man dort zerrissen, aber dann wieder ,die Axt ergriffen, um die Juden /.tot zu schlagen. Das- 99

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