Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1924
- Issue
- Nr. 3/4 - April-Mai (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 34 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I L. L. Zamenhof und sei Von Br. Dr. O r t h a 1 - Nürnberg. (Schluß.) Esperanto ist keineswegs eine Kunstsprache -in dem Sinne, daß seine Grammatik und sein Wörterbuch willkürlich erdacht wurde, sondern es beruht auf einer scharfsinhigen Erfassung und Verwertung der den modernen Kultursprachen gemeinsamen . Elemente; aus ihnen formte Zamenhof den Kern seiner Sprache. So ähnelt die Grammatik am meisten der englischen mit dem Ausmaße, daß die Aussprache genau der. Schreibweise entspricht und daß es irgendwelche Ausnahme von Regeln nicht gibt. Einige Beispiele werden am besten die hierdurch erreichte Vereinfachung der Grammatik beleuchten. Es gibt nur einen bestimmten-'Artikel, la. Alle Hauptwörter endigen auf o, alle Eigenschaftswörter auf a, la homo (der Mensch), homa (menschlich). Die Beugung der Hauptwörter geschieht folgendermaßen:' homo, de homo, al homo, homon. In der Mehrzahl wird lediglich ein j angehängt, also:, homoj, de homoj, al homoj, homojn. Ebenso einfach ist die Biegung der Zeitwörter und die Bildung der Fürwörter. Es ist also keine Uebertreibung, wenn Leo Tolstoi versicherte, er habe in einer Stunde die ganze Esperantogrammatik erlernt. Auch den Wortschatz seiner Sprache bildete Zamenhof nicht willkürlich aus den Einfällen seiner Phantasie, sondern er benutzte die ln den europäischen Hauptsprachen bereits vorhandenen Stämme unter Bevorzugung derjenigen, die durch gemeinsames Vprkommen in mehreren Sprachen bereits als international angesprochen werden können, z. B. studi (studieren), dento (Zahn), bela (schön), dek (zehn). < Auf diese Weise sind etwa 60 % aller Esperantostämme dem Deutschen ohne weiteres vertraut^ wer auch noch des Französischen und Englischen einigermaßen . mächtig ist, hat höchstens 5 % der Stämme neu zu lernen. Im übrigen handelt es sich, wie die vorstehenden Proben ergeben, um - eine, das ursprüngliche Wort- und Lautbild möglichst erhaltende Angleichung der Stämme an das System der neuen Sprache. Eine besondere Vereinfachung des Wortschatzes erreichte Zamenhof durch aus-’ giebige Verwendung von Vor- und Nachsilben, die es vielfach, ermöglichen, aus einem einzigen Stamm 2( —40 in Werk. Wortbildungen abzuleitex. Auch hier ging Zan enhof nicht willkürlich ziij Werke, sondern er machte sich die in den lebenden. Sprachen bereits auftretenden, aber nietet folgerichtig durchgeführten Bildungsgesetze zunutze. So bezeichnet die Nachsilbe in, wie im Deutschen, das weib iche Deschlecht und zwar durchgehend, z. B. kelnerir o (Kellnerin), patrino (Mutter), onklino (Tante), bovino (Kuh). Die Vorsilbe mal bezeichnet immer das Gegenteil (ytgl. malheureux) z. B malbela (häßlich), maljnna (alt), malbona (set lecht). Dadurch, daß |die Bedeutung dieser Anhängesilben ejn für; allemal feststeht, ist es auch dem Anfänger jin dei Sprache möglich, ohn$ weiteres neue Worte selbst zu bilden rhit der Gewißheit, daß diese Bildung zulässig und richtig ist. Es ist nun freilich nicht möglich durch rein theoretis:he Darlegungen einen genaueren Begriff Von der auf diese Weisei geschaffenen Sprache zu (eben; der Geist, das Innenleben einer Sprache wird nur dem erkennbar, der sich eingeheiid damit befaßt. Dank eines Vokalreichturns unc der Vermeidung unschöner Kon-1 sonantenverbii idungen klingt Esperanto ähnlich wie das Italienische oder Spanischje, wohllautend und ist luch > on Angehörigen außereuropäischer Sprachgebiete leicht zu erlernen und zu sprechen. Dpr häufig gehörte Einwand, daß Esperanto von den Englindern nicht gesprochen oder daß esperan ospre :hende Engländer infolge der Eigentümlichkeit ihrer Aussprache nicht verstanden werden könrnn, wird durch die Tatsachen glatt widerle; jt. S< i führte im Aygust 1923 der Weltkongreß in J' fimberg gegen 4500 Esperantisten aus. 41 verscliedenen Ländern zusammen, die sich nisbht nur leicht und zwanglos in Esperanto unterhielten, sondern in einer Reihe vor wissenschaftlichen und beruflichen Fachsitzungen nahezu alle Gebiete des menschlichen; Denkens und Streben s behandelten. Qieser Tagung wohnten Angehörige so ziemlich aller Stände bei, es warer Künstler und Gelehrte, ICaufleute und Arbeiter, Beamte und Techniker versammelt, überall erwies sich Esperanto als eit} ebenso geeignetes V< irständigungsmittel wie irgend eine andere lebende Sprache. 34