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Der Orden Bne Briss · 1923-10-01 · Festneummer zum Ordenstage - Oktober 1923 (10.1923) · p. Seite 108

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1923
Issue
Festneummer zum Ordenstage - Oktober 1923 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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. d§r leicht mit den Händen nach den Sternen griff. Der zweite, Uriel, ein verspnnener und suchender Mensch, in sich gekehrt, aber freilich auch nie fertig mit sich selbst. Vop Rafael, dem dritten, aber konnte man nicht recht sagen, was er eigentlich war. Deutlich war nur, daß er im Denken und Lernen nicht- Schritt hielt mit den andern beiden und oftmals,* wenn Meister und Schüler sich in den erhabensten Regionen des Lebens und der Lehre bewegten, wie aus einer anderen Welt in diese Erhabenheit herüberzustarren schien. Was nicht hinderte, daß der Meister ihn mit gleicher Liebe umfing, wie die anderen beiden und mit umso größerer Geduld. Denn sein Herz war gut, sein Auge klar und seih Leib von wohlgefälligem und geradem Wüchse: f So vergingen die Jahre. Da l^m ein Krieg ins Land* der mehrere Jahre währte und die halbe Welt erschütterte: Mißwachs schuf Hunger, . Hunger sphuf Seuche, so daß, was nicht vom Schwerte fiel, durch den Hunger und allerlei Krankheiten hingerafft wurde. Bei all dem Jammer aber war das Schlimmste, daß das ganze Leben im Lande wie aus den '^ngeln gerissen schien. Alles Glück und alle Freudigkeit war von den Leuten gewichen, an jedem Herde saß {las Leid und würzte die schmale Kost mit Bitterkeit, über dem Leide aber erhob sich der Haß' mit seinen drei Trabanten Selbstsucht, Wucher und Gewalt und behauptete breit und frech'das Feld mit letztem Worte. In dieser großen Not berief eines Morgens früh der Meister seine drei Jünger um sich und sprach zu ihnen vor der Tür seines Hauses wie folgt: Wer von euch, meine Söhne, versteht noch die Welt? Ich verstehe sie nicht mehr. Warum hassen sich die Leute? Warum sind sie so dumm; sich zu haäsen, da sie sich 'doch gbenso gut lieben könnten. Warum so töricht, zu wuchern, zu stehlen und zu rauben, da sie doch alle bekennen, daß sie dabei unglücklich sind? Wenn sie nicht so gut sind, um gut zu sein, warum sind sie nicht so klug, es zu sein, warum nicht so schlau? Wahrhaftig, ich verstehe die Welt nicht mehr. Aber eins verstehe ich nun: daß der weise König Salomo recht hatte, wenn er meinte, es gäbe eine Zeit zum Reden, und es gäbe eine Zeit zum Schweigen. Heute, meine Söhne, ist die Zeit £um Reden gekommen. So viele Jahre leben wir.nun zusammen eiiträchpg lernend und lehrend, und selbst der K rieg hat der liebevollen Stille unseres Lebens n chts ajnhaben können. Ich war euer Meister, ihr meihe Schülen Die Zeit ist gekommen, da j ihr versuchen solltet, selber Meister zu seiii. Dehn seht, die Welt braucht Führer, um sich zurücjkzufinden zu sich selbst. Ferne sei es von rrjir, euch wie der Kuckuck seine Jungen .ms dem Neste zu werfen, ohne vorher mit euch einen Flug über die Zweige versucht zu.h4ben. So zieht denn heute einhial aus uncj predigt c(en Leuten und bessert sie, wenn ihr körjnt. Seid liebevoll zu ihnen, denn nichts als die Likbe fehlt der Welt. Seht, dort steigt herrlich Und groß die Sonne über den Wald. Wenn [sie sinkt, erwarte ich euch Vielleicht, daß wir fnit der sinkenden Sonne die Welt besser verstehen se an noch als jetzt.. Vielleicht nur wenig, aber wenig ist viel in einer Zeit meine Söfrne, wp viel so wenig ist. Lebt wohl!« Mit diesen Worten segnete upd Entließ {der weise Mann seine Schüler, die nun mochten, was mit des Meisters Worten fangen war. Eine Weile standen sie und blickten halb verwundert über liehe Anrede, die sie soeben erfahren, lieh über den lebendig empfundenen Wechsel in len zuda die plötzoalb glück W. ernst und ge* ihrem Leben dem Meister nach,, der still die Türe seines alten Hauses hinter sich schlossen hatte. Dann stürmte Gabriel vorkus, ihm folgte 'kopfschüttelnd Uriel, Raifael bfach sich erst noch einen grünen Zweig'v im Bupch, den er mit einiger Umständlichkeit an seinem Hute befestigte und begann dann ebenso wie die anderen seine Probefahrt ins Leben hirein. Kaum"Mittag war es geworden, da kehrte Gabriel, der älteste, schon heim and betrat stürmisch des Meisters Gemach. »M:ister«, rief er, »Meister! Ich habe das Leben niciit gekrnnt, aber nun kenne ich es! Die Welt war mir verschlossen, aber nun sind mir ihre Tore anfge Sprüngen! Meister, die Menschen sind gut!c Der Meister ließ die stürmische Anrede über sich ergehen. Dann begann er zu fragen und nach mannigfachen Versuchen hinter die Wahrheit zu kommen, was bei den sich Überstürze iden Aeußemngen des Jürtglings nicht ganz einfach war, erfuhr er schließlich die Erlebnisse Gabriels Gabriel war auf den Marktplatz der St^dt ge — 108 —

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