Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1923
- Issue
- Festneummer zum Ordenstage - Oktober 1923 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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zustellen? Da gelte dieser erste, oberste und einzige Grundsatz: Bildende Kunst ist ein b e - wußter Gegensatz zurNatur. Was die Kunst auszudrücken strebt, was einen Künstler tiefinnerst bewegt, und was er durch sein Werk zutage fördert, ist keine Nachschöpfung der Natur, sondern -eine Neuschöpfung, ein Eigenes. Es ist ein Komponieren einer Harmonie von Formen oder Farben unter Zuhilfenahme eines Stückchens Außenwelt. Nur' zufällig sind es Dinge, die in der sichtbaren Natur Vorkommen, nur gezwungen benutzt er diese Dinge zur Verständlichmachung seines Fuhlens. Es wogt ein Meer von Gefühlen und. Gedanken in ihm: in einem Reichtum vieler Figuren oder in dem stürmischen Formwogen einer einzelnen drückt er diese Fülle aus. Ein edler, hoher Geist sucht lyrische Harmonie und ebenmäßigen Rhythmus, den seine Seele trägt, mitzuteilen: wir sehen klare Gebilde strenger, reiner Schönheit. Ist es ein griechisches, leise bewegtes Relief, ist es ein Karton von Rafael? Sind es'Männer, Frauen, sizilische Tempel, ein Kircherigesang von Palestrina? Das ist nur das Außengewand, in dem die Seele sich darstellt. Alles entfernt sich um so mehr von dem Vorbild der Natur, je tiefer der Sthöpfer empfand. Je stärker die treibende , Glut lohte, um so weniger genügt ihm das eidfache Mittel der Natur: er muß sie seinem Wollen entsprechend uniformen, er zwingt sie, sich irp Feuer seiner Anschauung umzuschmelzen, um neu gegossen als Kunst hervorzütreten und mit ihrem Glan? von. dem heftigen leidenschaftlichen RSngen seiner Seele jZeugnis ( abzulegen. I Nur von der Natur allein jedoch lernt der f Künstler die Sprache, sich, auszudrücken; sie allein bleibt "die ewig vollkommene, vor seinen 1 Augen rätselhaft webende Lehrmeisterin. Nur ein allerintimstes, unausgesetztes Studium dieser wunder- und inhaltsreichsteii Schöpfung vermag ihm Richtschnur zii sein, wie er die Gesetze des Schaffens in sich anzuwenden hat, wie alles fügend und ins kleinste organisch durchdacht erst ein Nachschaffen sinnvoll ermöglicht wird. Das. allein ist das Motiv und der Zweck des Naturstudiums., Und die größten Künstler waren und bleiben die ehrfurchterfülltesten Schüler der Allmeisterin Natur. Ueber sie hinaus,aber Steigt der schöpfeJ rische Geist, der das in hingehendstem Studium Erlernte nun zum träger seiner .eigenen Welt macht. Und gesetzmäßigem großen Küns haben, bis schaffen, zum Neuschaffen, in welch tief ergründ:« Erkennen der Natur die stier sie gezwungen, vergewaltigt sie sie gesegnet hat zum Neugänzlich auseinanderstrebe ttaen sehen wir an einigen extremen Beispielen, fjlat ein von urgewaltig tiefem Simien erfülltes Weil wie die »Nacht von Michelangelo, ein rührend zartes Madonnengebilde °4ru* ginos, ein vpn Rätselzaiiber umwobenes We^en Botticellis eljwas der täglichen Natur, auch nur entfernt Aehnliches? Oder was hat ein ägyptischer Basajhkönig, die lächelnd hoheitsville Weiblichkeit j der Venus von Milo, eine leiden- Ids, schaftsverzerrte Apostelfigur Mathias Qrünv a eine von seelischem Leid durchzitterte G:: Rodins Aehnliches mit der urls bekannten Nlai Nichts als das organisch in sich folgerichtig lufgebaute Leben, nichts, aber gar nichts von s|e ner wirklichen äußeren Erscheinung. Halten wir die durch diesen weiten Kontrast plötzlich erhellte Erkenntnis fest, daß die Kun >1 ein anderes ist als die Natur, ein Klarmaclien inizrer Gefühle ist, sei es ohne die Natur in derAfisik und Architektur, sei es mit der Natur und c.urch sie in der Malerei und Plastik, durch Formen uhd Färben. Und die Erkenntnis führen wir zur praktischen, zwingenden Konsequenz: Was in der bildenden Kunst nur Abbildung der Natur ist, ist keine Kunst!. Was die Natur nur nachbildet, sie. nur wiederholt, nachformt, abmal, ist «eine Kunst und hat nichts mit ihr zu schaffen, wie voljkommer auch die Leistung sein nag. Wie genau auf dem Bild jedes Fältchen und Härchen zu sehen s »in mag, wie richtig jener Arm delliert sei, es fehlt ihm däS innere Feuer Neuschöpfnng des eigensten seelischen druckes. Um ja keinen Irrtum auf komme lassen: Jed:s echte künstlerische Meisterwerk ist auch innerlich naturgemäß »richtig , und ungenügende» Können wird bei höchstem Willen und Empfinden stets etwas peinliches behHten; aber immerhin ist ein ungenügend gekonntes, aber in reijner Künstlerschaft empfundenes Werk weitaus erier, ein Kunstwerk als eine in absolut getreuer fjjaturnachbildung entstandene Arbeit. tim, talt ur? moder |\us- 1 zu Deren Ideal, die genaueste Richtigkei ja nebenbei bemerkt, die Photographie am besten löst, ist ohne Seele, ohne jede Sehr sucht nach Harmonie und Rhythmus als Unterg und, [phne allein die 104