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Der Orden Bne Briss · 1923-10-01 · Festneummer zum Ordenstage - Oktober 1923 (10.1923) · p. Seite 103

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1923
Issue
Festneummer zum Ordenstage - Oktober 1923 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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Tiefendisposition. Aber es ist das gleiche, das tief wurzelnde Strebenj des Menschen nach Harmonie und Rhythmus, d. h. Verhältnis von. Einzelwerten zij einander. Und wie mächtig kann die Architektur z. B. die volle Wirkung ihrer Harmonie ■ und ihres Rhythmus’ aiif uns wirken lassen. Wen hüllt nicht das zauberische Emporsteigen des Innern eines gotischen Domes in weltvergessendes Träumen? Sind die Fenster als Mitwirkung! zu erklären? Ist ihr Farbengesang nicht etwas anderes, tieferes, heimlicheres als blaues und rotes Olas? Und wie anders spricht dann zu un$ ein machtstolzer Kirchensaal der Hochrenaissance, ein fast greifbarer Ausdruck weltherrschenden Größenanspruches. Und wer einen griechischen Tempel sah, warum ist er stumm vor dem Eindruck der höchsten rhythmischen und dynamischen Vollkommenheit? In ihm sehen wir die Harmonie aufs reinste, absoluteste gefunden und seine Verhältnisse sind uns ein Quell der edelsten, höchsten Freude, die ein Kulturmensch empfinden kann. Deutlicher noch in der'lMusik: ein langsam stilles, einfaches Volkslied, i dessen Text wir nicht verstehen, rührt uns zu Tränen, stimmt uns zu weher Melancholie, ein toller Tanz zu ungezähmter Bewegung unseres Blutes. Und was ist es im Grund, das unsere Seele, unser Blut; unsern Verstand, unser Fühlen beeinflußt bis zur vollkommenen Freude, zur tiefsten Depression und zilr raschen Tat?' Hier einzelne Töne, in gewisse Verhältnisse gebracht, dort behauene Steine in bestimmte Verbindung gesetzt, nach Gesetzen, die nt^r zum Teil mit dem Verstände ins Bewußtsein gebracht worden sind, die wir den wissenschaftlichen Teil der Kunst, der erlernbaren nennen Zum andern Teil aber sine sie in Ordnung gebracht nach Gesetzen, die un bewußt-Und unbekannt in begnadeten Menscher: ruhen, den einen zur Schöpfung, den anderi zum Genuß befähigend. Suchten wir diies vor allem in Musik un i Architektur zu en der Nachweis vom von der Linie zur 1 wirren, so geschah es, wel Einfachen zum Komplizierter Arabeske, vom Ton zur Mr lodie einerseits — und andererseits vom ein fachen Gefühl des frohen Tat oder seelischen Trauer Behagens zur Unternehmung; /an dem der Schwere bis zur durch nichts , außerhalb d : glatten' Entwicklung liegendes gestört wurde, sei, Anders, leider j anders, ist es bei'der Plastik und Malerei. Hier! wird das kristallklare, abstrakte E ntwicklungstjild gekreuzt durch das reale, greifbare der Außenwelt, der Natur. Nur kraft der c er sichtbaren Natur entlehnten Dinge vermag cas Formgefühl, das rein theoretische, sich ceutlich zu machen. Dies hemmt auch gleich- : zeitig das Eindringen in die innere FoTmwelt, da der Ungeübte glauht, irrtümlicherweise glaubt,' eben im Darstellen dieser äußeren Weiterscheinungen sei. aas Problem ,der Kunst eingefaßt. Durch das Dargestellte hindurch sieht der Erkennende die wirklichen tieferen Formgedanken, fühlt der Empfindsame das innere Leben der Formseele. Das soll heipen, daß das glückliche Verhältnis zweier Massen, die abgewogene Bewertung einzelner Teile, die Bewegung der Gesamtsilhouette, die physikalisch meßbaren Farbabstände eine Fülle von seelischen Ausdrucksmöglichkeiten enthalten, die gänzlich unabhängig vom realen Ding sind und zum Oemüt, zur Phantasie, zum Gefühl ebenso beweglich zu reden verstehen, wie eine Melodie, eine Dom- ‘ kuppet, ein farbiges Glasfenster. Eine solchermaßen differenzierte Massenbewegung-löst allein durch ihre wilde oder ruhige,-kühne oder schwere, aufstrebende oder breit lagernde Harmonie die entsprechenden Gemütsbewegungen aus-,. wie Beruhigung, edle Freude, hohen, Mpt, heiteres Lächeln, ernste Trauer. Diese Wirkung allein aber möglichst rein empfinden zu lernen, bleibt die vornehmste Aufgabe der Kunsterziehung, und das ist nur möglich durch zunächst vollkommenes Außerachtlassen der Naturerinneru ng, durch völli jes Ausscheiden jeden Vergleiches mif den untergeordneten Mitteln der Kunst, eben dem äußern Vorgang und Abbild. ^Das ist nun für jemand, der sich sein Leben lang-auf dem ihm unbewußt falschen Weg befunden hat, nicht so einfach; schon deshalb dicht einfach, weil die Gewohnheit entgegensteht. Abe^r da gibt es für den ernstlich Strebenden wohl ein. Mittel, ein Mittel, welches jedem einzelnen, der in Kunst eine aktive oder passive Rolle spielt, Hilfe bringt: das’ ist das stumme, unbefangene, vorurteilslose Sichversenken in die großen MeisterscHpfrfurigehialler Zeiten und Völker> aus denen die reine Formseele am (stärksten und nachhaltigsten spricht. Wie sich es im. großen und ganzen anzufangen rein dem Kunstwerk gegenüber- 103 —

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