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Der Orden Bne Briss · 1923-09-01 · Nr. 9/10 - September (9.1923) · p. Seite 86

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1923
Issue
Nr. 9/10 - September (9.1923)
Date
1923-09-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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gferung die Petition wegen Kischineff abgelehnt hatte. Br. Wolf erzählte gern Scherze und hörte »ie gern. An diesem für mich denkwürdigen Freitag Abend sah ich den verehrten Mann zum letzten Male, da ich am nächsten Morgen Washington verlassen mußte. Wir schieden als Freunde und korrespondierten, bis die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten. Nach Beginn des Krieges’ "hatte ich ihm noch deutsche Zeitungen geschickt; in einem Brief vom 18. November 1914 bedankte er sich für die Sendung und sprach seine Ansicht über den Verlauf des Krieges in folgenden Worten aus: »from this side of the Ocean it looks like a iohg and destructive war,! and whoever wins will finally lose«. Er schließt den Brief mit den Worten, daß er beim Durchlesen der von mir gesandten Zeitungen und der englischen immer an dje Schlußzeilen (the dosing lines) von Heines »Deputation« denken müsse. Br. Simon Wolf (hat schon 1912 sich nur wenig um seine Advokatur gekümmert, sondern sich ganz und gar dem Judentum und gar z besonders der jüdischen Wohlfahrtspflege Gewidmet. Er war das reine Vorbild eines Ben Briss. Sein Andenken verdient auch im Deutschen Distrikt erhalten zu werden. Secher zaddik liwrachah! , Br. Michaelis Silberstein. Von Br. Dr. Albert Lew ko Am 11. Juli 1923 waren es 100 Jahre, daß Br. Michaelis Silberstein, der Begründer der Lessing-Loge, geboren wurde. Nicht allein aber diese seine Bedeutung für unsere liebe Lessing- Loge rechtfertigt es, daß wir an seinem hundertsten Geburtstage uns das Bild seines Wesens in dankbarer Erinnerung wachrufen. Einen Repräsentanten des Ordensgedankens verehren wir in Br. Silberstein, darum möchte, wie im Kreise der Lessing-Loge, so in der Gemeinschaft der Ordensbrüder seiner gedacht werden. Einen Autodidakten hat sich Br. Silberstein selbst genannt und damit dem Gefühl Ausdruck gegeben, welch unablässiges Streben nach geistiger Entfaltung die Voraussetzung war, um aus dem kleinen Städtchen Miloslaw in Posen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts den Weg zu den Höhen des Geisteslebens zu nehmen. Und diesen Weg bahnte sich Br. Silberstein auf eigen verschlungenem und doch wieder so klarem Lebenspfad. Früh verwaist sollte der Knabe seiner Mutter und seinen sieben Geschwistern als ältester Sohn möglichst schnell eine Stütze werden. Und so kam er von der Schule in die Nadelfabrik eines Verwandten, wo er als Lehrling von morgens bis abends angestrengt war. Doch bereits jetzt suchte er geistige Nahrung und fand sie vor allem in der Lektüre von Herders Briefen über die Humanität. Krankheit zwang ihn, seine Lehr- Hngsstejle aufzugeben und gab ihm zugleich die witz, Mentor der Lessing-Loge. I Muße, im Hause seiner Mutter die Bibliothek des Buchhändlers Seines Heimatortes auszülesen und im Verkehr mit einem Hauslehrer den ersten Unterricht in der französischen Sprache zu neuunen. Ja, er wagte es bereits, einige anonyme Artikel für ein Wochenblatt zu schreiben. . Wieder hergestellt, verließ er nun j seine Heimat und wandte sich nach Breslaii und Berlin, um, wenn möglich, sich den Wejg zur Universität oder, wenn dies nicht angängiG sein Sollte, in ein Kontor zu bahnen. Beides aber mißlang, und so durchwanderte er Deutschland, bis er in Dover im Hause seines Onkels lindete, der dort eine Pensionsschule hatte. Hier wurde er Lehrer des Deutschen und Hebräischen und entdeckte sein Sprachtalent, indem er in kurzer Zeit die englische Sprache so beherrschte, daß er für englische Zeitungen Berichte über deutsche Literatur schrieb. Nachdem er sich so einen geachteten Namen - und einige Pfund Sterling erworben hatte, dachte er in die Heimat zurückzukehren, um den Seinen beizustehen. Da starb seine Mutter. Nin verließ er Dover und ging nach London. Hier fühlte er sich von der Größe des Völkervcrkehrs in der Weltstadt inj tiefer Seele ergriffen und zum Ideal des Menschheitsgedankens geleitet. Hier besuchte er cae Synagogen, Kirchrn, Kapellen der verschiedenen Bekenntnisse, lernte er Menschen aller Länder, Klassen und Konfessionen kennen. t Sein religiöser Sinn fühlte sich von der 86

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