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Der Orden Bne Briss · 1923-07-01 · Nr. 7/8 - Juli/August (7.1923) · p. Seite 61

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1923
Issue
Nr. 7/8 - Juli/August (7.1923)
Date
1923-07-01
Page
Seite 61 (sequence 7)
Language
German
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Und heute? Welcher kleine Rentner, welcher Beamte, welcher Angehörige eines freien Berufes kann sich heute den; Luxus gestatten, sich auch nur für 14 Tage^injdie dritte Verpflegungsklasse einer öffentlichen^ Krankenanstalt aufnehmen zu lassen oder gar eitle-mehrwöchige Kur in einer einfachen Volksheilstätte durchzuführen! Eine eigene Beobachtung: Es fiel mir auf, daß die Tuberkuloseabteilungen unserer Anstält bis vor kurzem, fast zwei Jahre lang, schwach belegt waren. Zunächst war ich geneigt, dies als ein günstiges Zeiched für den Gesundheitszustand unserer ti berkulosegefährdeten Volksschichten anzusehen im Zusammenhang mit einer relativ allgemeinen (Besserung des Gesundheitszustandes in den beiden ersten dem Kriege folgenden Jahren. Hier spielt wohl auch die all- - gemeine Durchführung des Achtstundentages in den schweren Berufen eine Rolle. — Aber ich mußte mich doch £u einer anderen Ansicht bekehren. Oewiß, die Tuberkulose scheint abzu-' nehmen in den jfetzt teilweise etwas .besser lebenden Arbeitersthichten. Aber die Seuche wendet sich anderen Schichten zu, denen es heute schlechter geht als je und die weder Mittel noch Wege haben, sich einer Kränkenhauskur zu unterwerfen; deshalb nimmt die Tuberkulose scheinbar ab und stehen Betten in den Krankenhäusern leer! So (erlebte ich den sozialen Aufstieg der — Volksseuche; die Verelendung des — Mittelstandes! Liebe Brüder! Wenn man heute durch die großen weiten Säle der öffentlichen Krankenanstalten geht, in denen 20 bis 30. Betten nebeneinander stehen, so trifft man hier auf das narbendurchzogene Gesicht-eines ergrauten Bibliothekars; dort liegt eine alte Beamtenwitwe, eine Kleinrentner^, die sich von ihrem alten Sorgenstuhl auch im Krankenhaus nicht trennen wollte und dieses' letzte Besitztum mitgenommen hat. Hier liegt ein fast verhungerter Kunstmaler, dort die Mutter eines Arztes, hier ein |iochbetagter ehemaliger Fabrikbesitzer, der als Nachtwächter bei einem Hungerlohne zwei Monate lang nur Von Brot lebte; hier ist eine Putzfrau, Jüdin, Frau eines ehemaligen Stadtrates: es sind nur ganz wenige Beispiele einer fürchterlichen Schicksalsgemeinschaft, die ich hier erwähnen kann. Wenn man dem Blick dieser aus einer führenden Schicht stammenden Leute -begegnet, dann glaubt man ein Recht zu haben — von dem Zusammenbruch der öffentliehen Fürsorge zu reden! Und nicht die bekümmern mich am meisten, die in den Anstalten liegen; für diese wird gesorgt,, sondern der Gedanke an diejenigen, die nicht da sind, die irgendwo im Elend liegen; unauffindbar — weil sie nicht gefunden werden wollen. Der Untergang des Mittelstandes, das erst bedeutet den Zusammenbruch der öffentlichen Fürsorge, denn der Mittelstand ist wieder Träger des kulturellen,zivilisaftorischen, technischen Fortschrittes, auch der Schöpfer and c|er lebendige Vermittler der Öffentlichen Fürsorge- — Es Ist hier nicht der Ort, mich über die Bedeutung des Mittelstandes zu äußern; nur ein Wort in unserem Kreise: Während von der Gesamtbevölkerung nur ein relativ kleiner Bruchteil dem Mittelstand angehört, zählen wir westeuropäischen Juden seit unserer Emanzipation 'bis jetzt ausschließlich zum Mittelstand. — Wer kann sagen, was aus uns Juden wird, wenn der Mittelstand zu Grunide geht? — Dieses ■Problem ist von der Geschichte schon einmal gelöst': In Rußland gab es keinen Mittelstand. v. Was ist iu tun angesichts des Zusammenbruches" der öffentlichen Fürsorge? Was kann der einzelne leisten, was bezweckt unsere Logenarbeit gegenüber einer Katastrophe, die durch keine materiellen Werte'aufzuhalten ist? In allen Zweigen der öffentlichen Fürsorge vollzieht 1‘Sich heute ° eine U m g-e s t a 11 u n g unter dem furchtbaren Zwange der Notwendigkeit. Da Neueinrichtungen materieller und technischer Art nicht möglich sind,' gilt es das. Vorhandene den von Grund auf veränderten Verhältnissen anzupassen, umzuorganisieren, auszujbauen. Mit allen Formen sogenannter Luxuswohltätigkeit' muß rücksichtslos aufgeräumt werden. Es klingt hart: die Zeiten sind zu ernst, die Not des Nächsten zu 'furchtbar für »Humanitätsdüseleien«, die ja-nur dem eigenen Empfinden schmeicheln sollen. Der Z e n t r a - I i s j e r u n g der sozialen Fürsorge sollten keine unnötigen Schwierigkeiten in den .Weg gestellt werden. Andererseits gilt es — und das ist zu unterstreichen — bei der kaum zu vermeidenden Entwicklung zur Kommunalisierung und Verstaatlichung deh Raum frei zu halten für die unbedingt notwendige Mitwirkung persönlicher und individueller Leistungen/ wie sie

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