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Der Orden Bne Briss · 1922-09-01 · Nr. 8 - September (9.1922) · p. Seite 98

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1922
Issue
Nr. 8 - September (9.1922)
Date
1922-09-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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sprochep; sie ist nichts anderes gewesen als dieser Kampf mit der Vergangenheit, dieses Anstemmen .gegen Wurzel und Stamm. ■ Es ist das Bild des Propheten Ezechiel, vom Baum, der aus seinem Boden herausgewollt hat unq, jetzt oder dann, verdorrt ist. Das ist bisweilen die Tragik des Juden gewesen und leider weit häufiger noch die Komik. Aber es' hat nicht das eine zu sein brauchen, geschweige denn dss andere sein müssen. Die Vergangenheit, in die einer eintritt, soll ih|m das große Besitztum, deV Grund oder, was dasselbe ist, die Tiefe seines Daseins werden. Es ist die wichtigste Aufgabe des Lebens, daß der Mensch sich selbst entdeckt und dadurch den Glauben ah sich erlangt, diesen Glauben, von dem alle wirkliche Lebensführung abhängt Aber finden können wir uns nur, wenn wir unser Gestern gefunden haben; unsere Vergangenheit die kleine wie die große, ist unsere seelische Heimat und nur in ihr haben wir den Weg zu uns. Aller Lebensernst und schließlich auch alle Lebensfreude gründen sich darauf, daß wir diesen Willen' zu uns selbst gewinnen, daß wir das, was wir. im tiefsten und besten sind, auch sein wollen. Nicht jedem kann in seinem Erfahren und. Wirken eine Weite gegeben sein, aber jeder kann dadurch, daß er sich entdeckt, eine Persönlichkeit, - ein Eigenmensch werden. Wer auf sich verzichtet oder vor sich selber sich versteckt wird seelisch heimatlos und unsicher und damit im Orunde ein unpersönlicher Mensch, ein Vagant auf Erden. Er muß, falls es ihm nicht zum Trauerspiel wird,. die Komödie des Lebens spielen. Für uns Juden ist das alles schärfer noch geprägt weil unser' Gestern so groß und so inhaltsvoll ist’ Das Wort Vergangenheit das Wort Geschichte hat für Uns den ganz besonderen Ton; unsere Persönlichkeit die uns eigen sein soll, kann nur auf ihn gestimmt sein. Wenn wir unser Judentum gefunden haben, entdecken wir uns selbst.. Per Wille zu ihm ist der Wille zu uns, nur er gibt es, daß wir den Glauben an uns gewinnen, er gibt unserer Seele den Charakter, die eigene Art Sollte die, Wahl schwer sein, die Antwort auf'die Schicksalsfrage, was wir uns und der Gesamtheit dem kleinen und dem großen Leben, schulden? Einer, der sein Judentum erfaßt und dadurch sich begreifen gelernt hat, bedeutet eiine Persönlichkeit m:hr. Ein Gleichgültiger oder Abgewendeter unte uns, das bedeutet im innersten Grunde doch nur: einer mehr, der im eigentlich steh ohne das üharaktergepräge ist, und das heißt doch, bei alle n äußeren Glanze vielleicht, fest immer: ein Dutze idmensch mehr. Als ganze Juden werden wir im besten und ehesten ganze Menschen, Persönlichkeiten sein. Alle sittliche Arbeit für die Zukunft hängt Von diesem klaren Verhältnis zum Gestern, hängt davon ab, daß der Mensch sich gefunden hat. Um wahrhaft vorwärtszuschrei en, nicht nur ein Emporkömmling zu sein, brau cht er das natürliche Selbstgefühl, die Sicherheit u ld Bodenständigkeit des Wesens, und sie ertält er nur durch diesen Willen zu sich selbst Wir sehen es im Großen in der Geschichte. Alle jene Völker,! die etwas für die Zukunft geleintet haben, sind auf den Schauplatz der Kulturarbe t getreten, sind also modern geworden, von d< r Zeit an, wo sie ihre Vergangenheit begreifen gelernt, den geschichtlichen Sinn gewonnen tuben. Das unterscheidet den Kulturmenschen von dem Wilden, daß er. sein Gestern versteht.'■ Wir können es besonders im Lande der U3 to datemen sehen. Wer von heute bloß sein will, ist für heute nur und wird nur zu bald sich überlebt haben. Sein sicheres Morgen wird nur der -besitzen, der im Gestern fest wurzelt. Als unseres Selbst bewußte Juden werden wir für die Kultur und für die Zukunft etwas bedeuten, und das ist doch wohl die beste Modernität. Solche Oedanken können besonders in diesen Tagen vor demi Neujahrs f-este zu uns sprechen, das mij seiner Wende der Zeiten uns daran erinnert, daß unser kleines Gestern wieder eine Spanne größer geworden ist Es ist ein Neujahrswunsch, alt zu werden, aber doch nicht alt zu sein, von gestern zu sein und doch auch von heute. Ueber das Alter gibt es einen, anmutigen Aufsatz, den Ludwig Bamberger geschrieben hat Er hat ihn verfaßt, ils er die Schwelle des achten Jahrzehnts bereits überschritten hatte, und er war ja schon vordem ein kühler Kopf, der die klaren Begriff«; nur aufnahm. Auch er hatte sich die Frage ob man sich im Alter innerlich noch j wie er mit seinem spöttisch-sorgsamen Wort sich ausdrückte, »nicht unjung« erhall;n könnte. vorgelegt, ung, oder 96 —

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