Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1922
- Issue
- Nr. 3 - März (3.1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vortrag des Br. Expräsidenten Rabb. Dr. Baeck; aufgenommen nach einem Stenogramm: Wenn^wir uns die Frage voriegen, dtjrch welche Kraft und Oabe wir Juden heute m leben — trotz all den Jahrhunderten, die Uns brechen und vernichten wollten, nicht nur existieren, sondern leben, nicht nur neben den anderen da Sind, sondern als eine Kraft uater ihnen sind, als Menschen, mit denen jede Zeit sieh auseinandersetzen muß, so —ist wohl eine Antwort darauf: Fs ist ein Geistiges, das uns dieses Leben geschaffen hat Durch u n s e rle n Geist leben wir. . Man ist leicht genepgt, die äußeren Bedingungen des Daseins zu überschätzen. Aber wenn manche es früher nicht gewußt haben, so hat sie das letzte Jahrzeint .es gelehrt, daß alle Macht, die .bloß Macht sein witt, zuletztzusammenstürzt. Und so ist es immer gewesen, Alle Völker, die nur Macht besaßen, so lehrt es schon von Anbeginn die Geschichte, sind vom Erdboden verschwunden;" geblieben, ist nur, was einen Gedanken hatte, einen Gedanken verkörperte. Nur das Geistige bleibt auf die Dauer im Laufe der Jahrhunderte. .. In den schweren Jahren des Krieges haben wir es ganz unmittelbar beobachten können. Wir kennen das Wort von dem Lügenfeldzug, der gegen unser Vaterland unternommen wort en ist, und an der Klage darüber ist viel Richtig es. Es sind systematisch Lügen gegen Deutschland in der Welt draußen verbreitet worden. Ajer wir dürfen darüber‘ doch nicht vergessen, daß auch eia Feldzug der Gedanken gegen uns geführt worden ist, undwir sind besiegt worden, auch deshalb; weil auf der anderen Seite die stärkeren Gedanken, die Weltgedanken geweren sind. Wer den siegreichen Gedanken besi:zt, der kann gefrost sein, er wird den letzten Tag sein eigen /nennen. Weil unsere Kraft im Gedanken, im Geiste liegt, deshalb leben vir Juden. Unsere Geschichte ist eine Geschickte der natürlichen Auslese; wir haben immer von denen, dje sich vetloren, und denen, die gebliel>en sind; zu erzählen gehabt. Diejenigen, denen der Gedanke nichts war, sie haben aufgehört Juden zu sein, sie sind unter den anderen £uf~ gegangen, -Menschen von den vielen geworden. Juden geblieben sind nur die, in deren Leben der Oedanke seine Existenz gefundei hat. Durch die Idee, die in uns ist, leben wir. Bei allem, was uns mit den Menscher neben uns verbindet, bei aller Gemeinsamkeit mii ihnen, haben wir doch unser eigenes Gesicht, i nseren Zug, unsere eigene Art des Ausdrucks, einen eigenen inneren Sinn, eine eigene Form des Denkens und Empfindens. Wir Sprecher daher mit Recht von deml jüdischen Antlitz, dem jüdischen Herzen und der jüdischen Seele. Und was ist es, was uns von anderen unterscheidet? Man könnte zunächst sagen, daß wir Juden aus älteren Augen in die Welt schauen. Wir blicken mit Augen in die Welt, die Jahrhunderte, j? Jahrtausende älter sind, als die der Mer sehen; unter denen wir leben; und vielleicht ist dies auch der Grund so manchen Mißversiehens. Wir sind vor Jahrtausenden geboren w orden, die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, das Erbe der Generationen lebt in dem Leber eines jeden von uns. Aber diese, bloße Tatsache, ,daß wir älter sind, gäbe uns noch nicht unsere Eigena't und unsere Bedeutung, wenn nicht dieses rndere darin enthalten wäre, daß der Geist, de - Jahrtausende in uns lebt, daß wir zu ge stigen Menschen geboren sind. Was immer das Leben an uns herantreten läßt, es wirkt in um nicht nur wie ein Stoß, der unseren Körper erschüttert, sondern es weckt in uns den Gedanken Wir können nicht wie die einen nüchtern, gleichgültig oder träumend, nicht wie die anderen brutal den Geschehnissen und den' Menschen gegenübertreten, wir sind innerlicher organisiert, nicht im Sinne des rein Intellektuellen, sondern im jüdischen Sinne des Geistes, d. h. des G eistes, der aus dem Gewissen .kommt. Diese \ Verbindung des Geistes und des Gewissens ist unser Eigentümliches. Wir können nicht denken; ohne daß unser Gewissen zu uns spricht.' Wir können nie etwas erfahren, ohne daß unser Gewissen es in sich aufnimmt und sich damit auseir andersetzt Diese Einheit von Kopf und Hers, das ist der eigentliche jüdische Geist, der ideale jüdische Charakter. Das Schicksal hat.die Juden seit zwe Jahrtausenden über die Länder der Erde geführt. Wenn irgendwo neue Kultur am Erwachei war, zog es die Juden dorthin. Sie haben ihren Wohnsitz immer dort gesucht, wo der Geist 34 ““ /