Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1921-10-01 · Nr. 11 - Oktober = Festnummer zum Ordenstag (10.1921) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1921
Issue
Nr. 11 - Oktober = Festnummer zum Ordenstag (10.1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 95 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6727475-6029105-6074496--0091-4866796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hunderte von Parallelen ließen sich in dieser Weise ziehen zwischen dem von wirklicher Kultur erfüllten Leben des alten Judentums und seiner entseelenden Zivilisierung durch die Moderne. Nichts liegt uns ferner, als die Werte der Zivilisation herabzusetzen. Es ist eine Lust, in wohlgepflegten Slädten zu leben, köstlich, sich im'Aeroplan über die Dächer zu erheben und ein Hochempfinden, in einem Bibliöthekssaal vor den Hundertreihen klassischer Bücher zu stehen. Nur die Gefahren dieser Zivilisation wollen wir bekämpfen, die Kultur vor ihr erretten! Kultur ist das Geistige, das Moralische, das Ewig-Gültige; Zivilisation ist zeitlich, Form und Uebergang zu Fernerem. Sie ist die »Mode* der Weltgeschichte. Mit jedem neuen Typ veraltet das bisherige Modell, jeder neue Rekord bricht einen alten. Ein politisches Zufallsereignis verlegt heute den Schwerpunkt der „Kultur“, und morgen versinkt die „Weltstadt“ wie Vineta lautlos1 in den Abgrund der Geschichte. So sind alle Reiche, alle Zivilisationen . untergegangen, darunter solche, die nicht weniger weltbeherrschend und sich ewig dünkend waren als die heutige Europas. In Spaniens Reich ging tjle Sonne nicht unter.' Wahrhaftig — die Sonne nicht, aber Spanien. Und wir Juden haben diesen Untergang überdauert,, so wie wir die Weltherrschaft Aegyptens, Babels, Roms und Arabiens überdauerten, weil wir gewußt haben, aller uns umrauschenden Zivilisation j zum Trotz unsere . Kultur zu wahren. Dieses [■ auch heute zu vollbringen, um den — mit oder ohne Spengler — doch einmal unausbleiblichen „Untergang“ des Abendlandes zu überleben, neuen, unerahnbaren Zukünften und Missionen entgegen, das iSt das höchste, um nicht zu sagen, das einzige neue Ziel jüdischer Kultur. Die Erhaltung jüdischen Wesens im Strudel moderner Zivilisation ist eine der Gründungswurzeln und eine der Blütespitzen des Logengedankens. Am Abend, nach dem Tage der •! Zivilisation, "hach dem Tage der Arbeit, der Prozesse, der Verträge Tempel der Kultur zu sein, inmitten der Welt der Börsen und tjer Schornsteine, der Kioske und der Litfassäulen einen Altar zu errichten, zu dessen jahrtausendaltem Feuer gehüteter und geheiligter Kultur werte, wir neue Scheite tragen, daß wir als Brüder erleuchtet ' und erwärmt ihn umstehen — das ist der Grund- V gedanke, das Symbol des L o g en t e m p ’e I s. Diese Idee festzuhalten und bis zur idealen Er^ füllung zu verwirklichen, muß heben -deri humanitären und sozialen Temporäraufgaben das leuchtende Ewigkeitsziel aller Logenbestrebungen sein. Diese Idee über den1 Rahmen der Logen hinaus über die gesamte jüdische Gemeinschaft zu tragen, war bisher und sei auch ferner Leitgedanke aller Expansion. Eine seiner Realisationen war die Toy n b ee-H al l e nrG r ü nd u ng, die gepflegt und weiter entwickelt werden muß, auf daß wir im Laufe kommender Jahrzehnte nicht nur uns, sondern allen Juden „Lögen“ gründen, in die auch der Aefrmste abends aus den Mauern seiner Mietskaserne fliehen kann, ' daß er eine Statte finde, wo er sich aus der Stalltiefe eines Arbeitstieres der Zivilisation zur Höhe freien Menschentums erheben karin, damit die Räder einer mechanistischen Z*eif ihm seine Seele, sein „jüdisch Herz“ nicht ganz zermürben und zermalmen. Nicht -nur Hallen, Heime'und Hospize sind zu gründen, sondern Gartenstädte, Siedelungen, daß in ihnen-Hefzpunkte unangefochtenen jüdischen Lebens entstehen, die die ganze Judenheit wie Ueberlandzentralen elektrisch laden. Allergrößte Aufmerksamkeit ist dem Jugendproblem zu widmen, ’ da’ß-es uns , gelinge, nicht nur uns, die „Geretteten“, sondern auch die Jugend, die ^Gefährdeten“, vorder Dämonie des großen Tamtam-Götzen Zivilisation zu wahren, ihr_den Begriff der echten Menschenwerte unauslöschlich in das -Herz zu hämihern daß sie nicht dis Gold einer altererbten*Kultui für eine Aktie auf das moderne Lebert vertausche sondern, was unser Volk in viertausend Jahrer als einen beispiellosen Schatz an wahrem Kultur gut sich erworben, wissend und würdig empfang« und verwalte und mit den Werten der Modern« zu einer neuen Hochform jüdischen Menschen tums vereine. ■ / f ' - >-■; - 95

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.