Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1921
- Issue
- Nr. 11 - Oktober = Festnummer zum Ordenstag (10.1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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sich mit einem Zirkular an Deutschlands 7& reichste Männer wandte, erhielt es e i i e Posjanweisung mit 100 Mark (— 1 Dollar)! Ganz besonders treffen dieses Zwiespaltes Tragik und Gefahr uns Juden. Denn das Judentum ist in seiner ganzen Anlage konträr auf Kultur gerichtet und der Zivilisation abhold. Die zivilisatorischen Leistungen der jüdischen Geschichte sind! dürftig; die kulturellen so immens, daß selbst Goethe, der gewiß keil Phisolemit gewesen, sagen mußte: »In der Kultur der Wissenschaften haben die Bibel, Aristoteles und Plato hauptsächlich gewirkt, und ^auf diese drei Fundamente kommt man immer wieder zurück. I Durch die Emanzipation sind wir Juden -- in übertreibender Prägnanz gesprochen — au s einem Kulturmilieu mit geringer Zivilisation in ein Zivilisätionsmilieu mit geringer Kultur geraten. Uns geht es wie dem Knaben, der das'Vaterhaus verlassen durfte und nun in der jjroßstadt steht: Herrlich' erscheint ihm alles,; was ihn umglifzert. Wie . war es doch daheim so eng«; und beschränkt! Das armselige Daheim! Dochgemach! Wir sind keine Knaben mehr rrit Kinderaugen! Wir .sind . alt geworden und haben Historie genug erlebt, um yns nicht blenden .zu lassen.* Wir haben Babel ur d Aegypten, HelJas. und Rom, Arabien und Spanien an uns vorübergehen sehen, wie die Akte einus großen Schauspiels. Zivilisation ist äußerlich ■ Sie springt in die Augen. Sie kpmmt. < 1s Lokomotive dahergefaucht, glitzert als;Stein am Halse schöner Frauen, lockt als Musik von d;n Terrassen luxuriöser Hotels. Kultur ' ist st II, Sie lärmt nicht^- wirbt nicht um die Seelen. Ein schlichtes Buch umfaßt die ganze »Heilige! 'Schrift-. Zehn Männer in einem stillen Zimuer bilden,eine -Synagoge . Eine Schusterwerkstatt wandelt sich abends inr eine '-Talmudstube, Neue W e-g e jüdischer Kultur kapn nichts anderes heißen als dem fascinierenc Einfluß der modernen Zivilisation, soweit schädlich wirkt, zu begegnen und die geheiligt Werte einer durch die Jahrtausende geprüft und bewährten Kultur gegenüber den Sehe werten einer ephemeren Zivilisation zu bewahrt Allzu sehr schon haben wir uns um den dürftigen Preis, zivilisiert zu sein, von der Modertie entkultivieren lassen. nicht. Es stampfen keine Eq die Neilahkerzen «L Zwei kus tausend Bildern. Unsere Qrößstadttempäl mit ihrem mustergültig programmatischen Gottesdienst, der Fülle der schwarz gekleidet :n Männer mit Cylindern auf den Häuptern und der Galerie der Frauei im Glanze ihrer neuesten Garderoben verraten die hohe zivi|isatoriscie Stufe, die eine Gemeinde erreicht hat. Es i it auch nicht zu leugnen daß unter dieser Decke der Zivilisation das warme Blut der [Kultur iahinrinnen kann; daß auch hier Empfindungs; tauber die Seelen umspinnen mag und heiße Gtfühle aus lebendigen Herzen wie aus Opferschalen zum Himmel steigfen. Aber wir haben keinen Grund, mit Nasenrümpfen auf das Betstübchen des Ostens her abzuschaulen. Freilich, Zivilisation verrät es trägt ke ne Samtportieren und dr, uipagenpferde, indes dr niederbrennen. Schult« r an uljen nnen Schulter rleihen sjch die Männer.. Jeder steht in keinem; Totenkrttel, bewußt, daß einst dfes Linnen als letztes Erdenkleid den toten Leib umhüllen wird, und nun schreien sie, als seien sie schon im Sterben, in Ekstase zu hrem Gotte, werfen sici zerknirscht zur Erde ujid senden aus dem Staub des Bodens mit dem Ruße ihrdr armseligen Kerzen heilige Gelübde zum Him^nel em ior — noch hat siet tjas glänzende,' aber auch beengende Kleie der Zivilisation nicht fiber diesen Raum gebreit et, [.. aber liegt in detri Schrei der Inbrunst w :nijj>er Kultur als in djer Kantilene der. gepf egjen Stimme? Zivilisation - verraten die M issenfriedhöfe unserer Millionenstädte, die ur s jals Häusermeere enfgjegenragen, weil jeder näch dem Maße seiner Güter sich ein Denkmal setzt, von denert in golc enen Lettern weithin leuchtet, wie viel Würde hier begraben liegt, und an deren wohlgepflegjer Blumenfülle man ermessen kann, welch hohe Jahresraten die Verstorbenen in ihren Testamenten zur Pflege ihres Grabes festgesetzt haben. Kultur? Kultur verrät der altjüdisch^ Gut-Ort, darin die Menschen, wie jsie gleich geboren, im Tode gleich beisammen iegen, darin der Stein de» Reichen nicht das Gr: b des Armen überragt und nicht mit Blumen und Bosketts ein flache^ Totenkult getrieben wird, sondern über allen Gräbern symbolisch tief-bedeutsam nichts wächst als Gras — — „Wie Gras des Fel ies ist des Menschen Leib', er dorrt und welket h n . , 94