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Der Orden Bne Briss · 1921-10-01 · Nr. 11 - Oktober = Festnummer zum Ordenstag (10.1921) · p. Seite 93

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1921
Issue
Nr. 11 - Oktober = Festnummer zum Ordenstag (10.1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 93 (sequence 13)
Language
German
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,r Neue Wege jüdischer Kultur. Von Br. Fritz Kahn. Der moderne Mensch des westlichen Europa lebt in einer Welt des Widerspruchs. Einem betäubend geschwinden und berauschend schönen Aufslieg r vor* Wissenschaft und Wirtschaft, die den Erlebenden beflügeln), wirkt eine fast an Stillstand grenzende Langsamkeit in der Entwicklung des Geistes uftd der .Ethik niederdrückend entgegen. Ein unaufhaltsam sich ausbreitender Weltverkehr räumt die Grenzpfähle der Reiche wie die Streichhölzer eines Kinderspielzeuges weg, aber die Geistesverfassung der Landesbewohner bleibt befangen in den Duodezanschauungen d^s Zopfzeitalters. Atis dem Schoße der Technik steigen Aeroplane als die beflügelten Botenvögel nejuer Epochen zu den Wolken, aber die Moral kfiecht noch im Larvenzustand als- Wurm drunten im Staute überwundener Vergangenheiten. Wie in einer Landschaft der steil aufragendje Berg und zu seinen Füßen der glatte See stehen sich die beiden Elemente des modernen Lebens gegenüber, uralt in ihren Gegensätzen, aber nie so schroff und widerspruchsvoll von den Menschen der Zeit empfunden.' Zivilisation und Kultur. Zivilisation grüßt | uns!mit beflaggten Masten, wenn wir in den Hafen Hamburg einfahren und hinter dem, Wald von ijtahen die rauchenden Schlote den Opferdampf der Arbeit zum Himmel senden. Kultur umweht pns, wenn wir in den stillen Gärten Weimars Wandeln, dereij Büsche noch den Duft der Barockzeit atmen, | und am Gartenstein die Verse les&i: i Die ihr Felsen und Bäume bewohnet, o| heilsame Nymphen, — Gebet jeglichem gern, was er im stillen begehrt«. f .1 Zivilisation unJrauscht ur|s, wenn! wir mit der elektrischen Bahn dürcfji das Gewühl der Straßen fahren, auf erhelltem Platz den Ruf der Abendtelegranrme, die der Funkspruch über Meere trug, vernehmen, Flammenschriften wie Menetekel über den Dächern erscheinen, 60 pferdige Mercedes elegant an uns vorübersurren und wir hinter dieser Welt voll Leben das wundervolle Phänomen Europa wie 'eine'.dämonische Suggestion auf uns wirken fühlen. Aber wenn wir in das Haus getreten, die Klinke.fassen und drinnen über gedecktem Tisch die .Skbbath-, kerzen uns entgegenstrahlen, wir ipit dem Alltags-: mantel draußen vor der Türe auch Welt und Arbeit von den Schultern streifen und Aun eintreten in einen Raum, aus dem der Tag gesperrt ist, und in dem nur Friede, Freude, Heiligkeit und Himmel wohnen, und der durch Jahrtausende geheiligte Schir hamalaus« tönt, er, der Alexander entgegenschallte und den die Vorfahren in de£ Mauern des von Vespasian belagerten-Jerusalem jgesungen, den die Kreuzfahrer hörten, als sie mit unheiligen Waffen gegen die tore der verschlossenen Tempel klirrten, und, den Napoleon aus den niederen Judenhäusern russischer Städte vernahm, als er an der Spitze seiner Mliliö^eoarmee gen Moskau marschierte —' in dieser Stunde umstrahlt uns, nicht nur von außen, auch von innen wie odisclv Feuer lohend — Kultur. Alle modernen Menschen empfinden, soweit sie überhaupt empfinden, diesen tragischen Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation; -Und die große Gefahr, die alter Kultur durch neuzeitliche Zivilisation droht. Da? moderne. Leben ist, wir mögen es beklagen, aber wir müssen es als Tatsache nehmen und können es mit aller Macht nicht ändern, seinem ganzen Wesennach auf ,däs Zivilisatorische gerichtet und dem Kulturejlen abgewendet. Das Motorenprobfenji und die Handelstonnage, Kurszettel, Modenschau und Rennbahn regieren den Tag und die Seelen. Zum Boxkampf Dempsey-Carpentier. zahlte man zwei Millionen Dollars Eintritt,, und * erschienen die diplomatischen Vertreter der . -beteiligten* Länder. Als das verfallende. Goethemüseum, zu dessen Erhaltung das reiche Frankfurt die nötige kleine Summe nicht aufzubririgen vermag, 93

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