Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1921
- Issue
- Nr. 1/2 - Januar/Februar (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6727475-6029105-6074465--0013-4866715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
großen Sohn unserer Stadt und unserer Gemeinde, betrauern. War er es doch, der mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit, sich für das Recht des Juden eingesetzt hat! War er es doch, der die ganze Fülle seines Einflusses, ja wir dürfen ruhig sagen, die Fülle seiner Macht in die Wagschale geworfen hat, als es einmal galt, dem Lande, das als das moderne Pharaonenreich sich bewährt hat, den Widerstand der rechtlich gesinnten Menschheit im Namen des Judentums zu zeigen! War er es doch, der eine Macht besessen und aufgewendet hat, die weit reichte, weit wie die eines überragenden Staatsmannes, als er Rußland in schwieriger Lage zurückdrängte und seinen Gegner bevorzugte! Wahrlich, wenn der Heimi gegangene nichts anderesgetan hätte, als in sulchem Tun vor den Augen aller Welt zu beweisen, daß ej aJs Jude die Macht, die er besaß, ohne Rücksicht auf seinen eigenen persönlichen Vorteil, in die Wagschale legte, damit das Recht zum Sieg gelange, wahrlich, solches Geschehen allein hätte Jacob H. Schiff schon würdig gemächt, unter den Großen der Geschichte des Judentums genannt zu werden. Aber es ist mehr als,das, was ihn auszeichnet. Ich möchte ein bekanntes Wort des großen englischen Dichterfürsten ein wenig abwandeln und auf Jacob H. Schiff anwenden: i „Er war ein Jude, nehmt altes nur in allem." Ja, er war ein Jude. Was aber ist die kernhaft wesenseigentümliche Art des Juden? Martin Buber und vor ihm Moritz Lazarus haben einmal mit Recht darauf hingewiesen, daß Jude sein bedeutet: in. sich gewisse Gegensätzlichkeiten, der Zweiheit zu tragen und zugleich in sich ein urmächtiges Verlangen zur Harmonisierung dieser Gegensätze, zur Einheit zu verspüren. Wer diese Harmonie aufbringt, wer diese Einheit der Gegensätzlichkeit herstellt, der i&t im wahren Sinne des Wortes Jude. Und mich will bedünken, als ob bei einer Betrachtung des We.sens und der Persönlichkeit Jacob H. Schiffs .uns eine solche Zweiheit, die eben hier in seiner Person als Einheit erlebt wurde, entgegentritt. Schon sein Charakter. Zwei Wesenspole treten uns deutlich entgegen. Auf der einen Seite diese klare, kluge, überlegene und überlegte praktische Art, das Leben zu meisfern, sich zum Herrn desselben zu machen, eine Fähigkeit, die diesen Mann unter die allerersten Größen der Finanzwelt gestellt hat Auf der andern Seite eine Güter eine Fürsorglichkeit; ja fast ein; Zärtlichkeit des Wohltuns, wie sie. kaum überboten werden kann. Und diesebeiden Wesensmomente, die so selten, ja fast nie in einem Menschen sich finden, sind in ihm vereint, werden von ihm als Einheit erlebt. und uns vo Augen gestellt Wir Bne Briss, wir Mitglieder des. U. O. B. B., sind gewöhnt wenn wir einen unserer Brüder bewerten wollen, diese seine Bedeutung: an der Erfüllung der Ideale zumessen, die uns_stets ' vor Au^en schweben : Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eir tracht * „Wohltätigkeit"! Welche Rolle hat sie im Leben dieses Mannes gespielt!' Auch hier ist wiederum ein polarer Gegensatz, der "gerade von unserer Zeit besonders stark und lebhaft' empfunden wird, ja so sehr gefühlt wird, daß tiefe- Kämpfe um den Ausgleich zwischen diesen Gegensätzen heute mit aller Macht fast in.aller Weit geführt werden: Kapitalismus .und Sozialismus. Ich meine diese beiden £chlagworte in ethischein Sinne, nicht in ihrer speziell politischen Bedeutung. Auf der einen Seite der Verfechter des Kap talismus, der wahrhaft davon überzeugt ist, daß gerade durch seine Tätigkeit und'seine Leistungen die Menschheit beglückt werde. Auf der ande rn Seite der Vertreter des Sozialismus, der das Gegenteil behauptet und für sich in Anspruci nimmt,'was ihm eben der Kapitalismus bestreite : die Menschheit.glücklicher und besser zu machen. Wir haben hier den Kampf dieser beiden Mächte nicht, auszutragen. Aber eines ist sicln r: in der Person von Jacob;H.. Schiff war ein Ausgleich geschaffen. Da trat uns der Kapitalis mus in der großzügigsten 'Form, "die man sief nur denken kann, entgegen, und daneben wirkte in diesem Manne der soziale Gedanke mit geradezu unwiderstehlicher Macht. Wenn es einen gegeben hat, der einen Ausgleich jener Gegensätze geschaffen, so--war \ es Jacob H. Schiff. Er w ir eben der Reiche im jüdischen -Spinne; er hat den Adel des Reichtums lediglich als eine Verpflichtung empfunden,, aber 'nicht etwa als eine Verpflichtung, deren man sich leicht entledigei kann, indem man Summe um Summe hergibt. Für ihn gab es vielmehr eine ungeheure — 5 —