Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1920
- Issue
- Nr. 8/9 - Oktober
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 97 (sequence 9)
- Language
- German
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seiner eigenen Religion. Auch ein gewiß jnicht voreingenommener Mann wie Rade bat es beklagt, daß sich der Christ beim Juden so schwer Auskunft darüber boten könne, was ihm Religion, jüdische Religion, seelisch bedeute. Und wer will bestreiten, daß sehr vielen Juden eine religiöse Unterhaltung mit Andersgläubigen peinlich ist, peinlich sein muß — weil sie es nicht vermocht haben, sich a I s J u d e n mit der Welt; in der sie leben, auseinanderzusetzen, sich darüber klar zu werden, was das Judentum innerhalb der modernen Welt bedeuten, was es ihr aus dem Born seiner ewigen Wahrheiten geben kann,*) wieviel deutlicher andererseits uns der Wert unseres geistig-religiösen Erbes (mcli der ethischen wie nach der ästhetischen Seite!) erst durch die Anwendung moderner Betrachtungsweisen auf die Bibel geworden ist. Zu solcher Synthese zwischen Judentum und modernem Leben hat aber.die Logenarbeit zu verhelfen. Was wir erleben im Zeitgeschehen und in der Literatur, lehrt uns der Orden alt Juden betrachten — im tiefgründigen Vortrag wie in der zwanglosen Unterhaltung; sdI gibt er uns nicht nur die Fälligkeit, antisemitischen Vorurteilen entgegenzutreten, sondern er verhilft uns, soweit sein Einfluß reicht, zu einer stolzen Sicherheit des Wesens und beseitigt jene Zerrissenheit, die notwendig auch in dem Anderen ein Gefühl der Unsicherheit und Befangenheit uns gegenüber erzeugen muß. Aber ein solches Zurückgreifen auf die höchsten Kulturwerte, die die Größten unseres Blutes ihren Enkeln und der Menschheit verkündet haben, lenkt unseren Blick auf hohe, ewige Ziele, gibt unserem Leben Gehalt und Sinn und hilft uns, den kläglichen Kontrast zwischen seelischer Armut und äußerer Fülle, weitläufigem Schliff und dstn Mangel an wahrer Kultur beseitigen, wie er leider in den Kreisen unserer Gemeinschaft nicht gerade selten ist und zweifellos gar manchen, von Haus aus nicht Voreingenommenen zu mehr oder minder starken Vorurteilen gegen unsere Gemeinschaft geführt bat. Der Hinweis auf jüdisches Protzentum gehört unzweifelhaft zu den beliebtesten Waffen aus der Rüst-; . ■ i-.r f."r ' kammer unserer Gegner, und wahrlich nicht zu den unwirksamsten. Er wendet sich durchaus nicht nur an die Instinkte des Neides. Eine wirklich geschmackvoll eingerichtete Villa, eine wahrhaft, vor- *) Vgl. darüber meine Schrift: Zeitfragen im Lichte jüdischer Lebensanschauung, Frankfurt (Kauffmann) 1920. nehme Geselligkeit in jüdischem Hause haben uns sicherlich nicht geschadet, nicht mehr jedenfalls als die Tatsache unseres materiellen Aufstiegs als solche. Aber das eitle, prunkende Zurjchautugen äußeren Glanzes, dazu das Hindrängen zu demjenigen/, was ich geistigen Putz und Flitter nennen möchte, Konzerten, Theatern, .Vorträgen nicht -ihres Inneren Wertes wegen, sondern nur, weil das Sehen und Gesehenwerden zur „großen Welt" gehört — das alles erweckt allerdings Empfindungen unendlich peinlicher Art. Und Wie völlig hat die alte Methode der Assimilation hier versagt!- Dieselben Dirnen, die aus Furcht aufzufallen, in der Straßenbahn nicht die „Allgemeine Zeitung des Judentums" zur Hand ^u nehmen wagten -■ sie hatten - oft gar kein Auge fir die Gefühle, mit denen die einfachere.Nachbarin auf ihre Brillanten sah. Gerade da, wo die Anpassung am nötigsten gev resen wäre, ist sie am wenigsten erfolgt. I ' , Und das isl nicht einmal merkwürdig. Denn jene- , feindjic'aen Empfindungen, von denen wir sprachen, ergeben sich wesentlich aus dem sehr berechtigte« Gefühl des nichtjüdischen Betrachters, daß sich!■ solcher Aeußerlichkeit ein. geradezu'furchtbarer Mangel an I n n eir I i c h k e I jt bekundet. Und gerade diejenigen, welcbe die Assimilation des Judentums — das bedeutete in der Praxis: die Preisgabe der überlieferten religiös-sittlichen Werte — all Heilmittel gegen den Antisemitismus priesen, — sie tragen (neben wirtschaftlichen Ursachen, die hier nicht zu erörtern sind) einen sehr wesentlichen Teil der Schuld an jener sittlichen Verarmung, die gleichzeilig mit unserem materiellen Aufstieg erfolgte, damit aber an jener Entinnerlichung, die einen großen Teil unserer Männerwelt und einen — leider — noch größeren unserer Frauenwelt ergriffen bat und notwendig zu jener geradezu tragikomischen Veräußerlichung führen mußte. Mit dieser Diagnose ist die Therapie gegeben. Es darf uns n i c h t genügen (>o verdienstlich und notwendig es auch zweifellas ist), das Protzentum. zu bekämpfen durch die Mahnung an die unabsehbaren FoJgen, welche jede Zunahme des antisemitischen Explosionsstoffes für die gesamte Glaubensgemeinschaft haben muß. Es gilt vielmehr, die Quelle des Uebels zu verstopfen und an Stelle der oberflächlichen' Freude an törichter Prachtentfaltung das Streben nach hohen Lebenszielen zu setzen, «rief sie unser alt Menschen und Juden würdig sind: fE» gilt, unserem — durch die Ungunst geschichtlicher — VI —