Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1920
- Issue
- Nr. 8/9 - Oktober
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4864325-6029099-6074458--2595-4866673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
deutschen Volkes in den] zwei Jahrtausenden seines Bestehens, jemals so weit ein menschenwürdiges, ('aß wir unseren Kindern etwas dementsprechendes wünschen dürften? War nicht das Leben der Massen ein Leben in Fron und Heize; ein Vegetieren jn Erbärmlichkeit, damit eine dünne Oberschicht das manchmal kurzwellige, manchmal unsinnige Schauspiel aufführen konnte, das wir Historie nennen? „Wenn wir von der augenblicklichen Gärung absehen,---können wir wohl sagen: unsere Zeit bat höhere Ideale als die Zeit unserer Väter, denn sie hat wahrere Ideale. Und die uns mit dazu verholfen haben, das sind die modernen Juden mit ihrer eigentümlichen Veranlagung des scharfen, vorausselzungslosen, vor keiner Konsequenz zurückscheuenden Denkens. Diese Veranlagung verdient nicht gescholten, sondern anerkannt zu werden." — Dankbar wollen wir an dieser Stelle der außerdeutschen Helden gedenken, die für den Gedanken der Menschheit trotz Anfeindung im eigenen Lande, trotz Mißachtung, Hohn und Verfolgung gekämpft und gelitten haben. An erster Stelle sei der Franzose Romain Rolland genannt. — Wer ist Romain _ Rolland? Wilhelm Herzog antwortet auf diese Frage: ' „Weniger Künstler als Mensch hohen Ranges. Ein Kämpfer. Voller Brüderlichkeit. Ein Jünger Tolstois." Rolland hat während der ganzen Kriegszeit für den Frieden gekämpft. Er versuchte Fühlung mit deutschen Geistern zu nehmen, suchte Anknüpfung mit Gerhard Hauptmann. {Hauptmann antwortete nicht. In Frankreich beschäftigte sich der Staatsanwalt mit ihm. Es störte ihn nicht. Nun werden seine Bücher in Deutschland von Tausenden verschlungen. ' Er will das Leben sehen, wie es ist — mit seinen Qualen und seinen Freuden — und es lieben. Er beschädigt sich mit den größten Geistern, die menschliche Kultur hervorgebracht hat, und, es ist bezeichnend, daß sie nicht an eine Nation gebunden sind. Er schildert Beethoven, Michelangelo, Tolstoi, der Franzose: den Deutschen, den Italiener, den Russen. In seiner Nähe darf Henri Barbusse genannt werden. Sein Roman „Das Feuer", der in 230000 Exemplaren verbreitet ist, soll durch die Wirklichkeitsschilderung den Krieg gewissermaßen durch den Krieg abschaffen. Sein Roman „Clarle" dessen Held vom Militaristen durch den Krieg zum Pazifisten wird, ist die Grundlage einer Vereinigung mit gleichem Namen geworden, die die besten Geister aller Nationen vereinigen will. Die aus Frankreich dargebotene Hand ist nicht gleich ergrilfen worden. Bernhard. Kellermann war der; erste, der den- Ruf aufnahm. Im Dezember 1919 sandte die Gesellschaft Clarte ihren Sekretär, Paul Colin, nach Berlin. In einer Sitzung der Vertreter des Friedensgedankens sprach nach dem Vortrage Colins Albert Einstein als Vertreter deutscher Wissenschaft. In England fand Keynes ohne Rücksiebt auf nationalistischen Eigennutz mannhafte Worte gegen den „Friedensvertrag", Normann Angell setzte sieb in Cambridge der Bedrohung durch, die Menge aus. In ähnlichem Sinne wirken in England Bertrand Russell, Israel Zangwill. Aus Belgien, in dem ein Einstehen (ür den Gedanken der Versöhnung wahrlich nicht leicht ist, dar! der Name Henri van de Velde genannt werden. Amerika liefert den Namen seiner bedeutendsten Frau : Jane Addams. In Italien kämpft Roberto Bracco, In der Schweiz A. Forel, in Schweden Ellen Key, Selma Lagerlöf, in Dänemark Sophus Michaelis, in Oesterreich, Stefan Zweig. Sie alle' kämpfen den gigantischen Kampf der-Erweckung des Gewissens der Völker. . , Im Zusammenhang mit diesen Zeilen darf auch der menschenfreundlichen Leistungen der Quäkerspeisungen , der Kinder- und Kriegsgefangenen-, der Mittelstandsfürsorge des Auslandes, besonders Amerikas, soweit sie sichln erhebender Welse äußerte, nicht vergessen werden. — Der Kampf um die Anerkennung aller menschlichen Rechte, der Menschheitsgedanke, macht nur langsam Fortschritte. Es ist das nicht sehr verwunderlich, da er gegen alle Mächte des Besitzes, der Beharrung geführt werden muß. Die Tragik, die hierin liegt, bat Walter Kinkel») mit den Worten zu erklären versucht: „Die Gerüsteten kämpfen nicht, die Kämpfer sind nicht gerüstet." ' ' Aber der Gedanke ist auf dem Marsche. Er kann nicht verschwinden und wird niemals verschwinden. Welche Erbschaft hinterläßt) Macht, bloße große politische Macht, welche Erbschaft: Geist?" Kinkel») verweist auf das Beispiel der alten klassischen Staaten Sparta und Athen. Vom Machtstaat Sparta, dem „ständigen Kriegslager", besteht nichts weiter als die Erinnerung, Athen aber lebt, weil es die Wurzel seiner Existenz im Ewigen hatte. Auch seine äußere Form ist zerfallen, aber es lebt, weil es das Wesen seiner Seele nicht in der Mächt, sondern Im Schönen, s) Walter Kinkel „Der humanitätsgedanke", Betrachtungen zur Beförderung der humanitär '— Verlag Fritz Eckardt Leipzig 190T -= jät 147. im Kinkel a. a. O. S. 144^145."