Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1920
- Issue
- Nr. 8/9 - Oktober
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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öffentlichen (Staats-) Moral und der privaten Moral ■ als »UseU'g überwunden angesehen werden können. Fir die private Moral 'aßt Treitscbke den Kantischen kategorischen Imperativ gelten, für den Staat formuliert er als oberstes Sittengesetz: behaupte dkjh selbst.J) Macht ist ibm Selbstzweck des Staates. Zu welchen Erscheinungen solche Anschauungen 'geführt haben, bat uns der Weltkrieg mit gier ügender , Deutlichkeit gezeigt."- Aus d?m Volke der Denker und Dichter, aus der politischen Machtlosigkeit und Zerrissenheit ist das mächtige Deutschland geworden. Dichtung, Kunst, Wissenschaft, militärische Leistungen stellten es in die erste Reihe der Völker. An einer Uberspannung des Machtbegriffs ist es zerschellt. — Aus den politischen .Machtbedürfnissen . unserer bisherigen Gegner sind die Forderungen vom Selbstbestimmungsrecht der Völker,, von der Freiheit der j Nationen, womit sich so schön die Rolle Polens als! Fußfessel . ■«1 Deutschlands begründen.ließ, entstanden. Die Heuchelei ' •„ "l|t bekanntlich das Zugeständnis, das das Laster der tagend macht. Mit sittlichen Begriffen operiert es sieb auch im politischen Leben so gut Der Völkerbundsgedanke ist der notwendige Fortschritt auf dem Wege vom Selbstbestimmung jrecht der Völker. Wir wissen wohl, daß er in der gegenwärtigen Form nicht Viel mehr als eine Fratze ist. Nachdem aber der Gedanke einmal in die hohe Politik eingedrungen ist, kann er nicht mehr ganz aus ihr verschwinden. An seiner Reinerhaltung haben die Besiegten und die besten, Geister unter den Siegern ein unausrottbares Interesse. Sie empfinden, daß hohe Politik nur dann ihren Namen verdient, wenn sie hohen Menschheitszielen zustrebt. . . „Auch wenn |wi«H — sagt Prof. Walter Goelz- Leipzig— „in diesem Völkerbund zunächst rechtlos und wirkungslos sein werden — wir müssen der Welt zeigen, dar! der auch von unseren Feinden gerühmte Geist der deutschen Dichter und Denker noch beute in Deutschland so lebendig ist wie vor einem Jahrhundert, und daß wir-dem Ideal.nicht nur offen stehen, sondern daß wir seine tätigsten Wegebereiter sind. Echter Idealismus und die Notwendigkelten der praktischen Politik verbinden sich hier miteinander, und es wäre für uns. ein neuer schwerer Schaden, wenn die Welt uns nur unter dem Zwange der politischen Lage handelnd glaubte. Wir haben *) H. v. Treitschke,- Politik, herausgegeben von Max Cornicelius, Leipzig 1897. Welt der Macht den und ver uns getragen aus Kurzsicbtigkeit genug Fehler begangen — unsere Lehrzeit sollte nun erdlich abgeschlossen sein! Wie weit wir aul dem reuen Wege kommen, bleibt füts erste unerkennbar, aber gegangen muß er werden." — Wir dauernd Enterbten des Schicksals, die wir in tausendjährigem jüdischem Leidensgange gegen eine Gedanken des Geistes in uns haben, fühlen mit am tiefsten das verübergehende Schicksal Deutschlands und die Notwendigkeit der geistigen Erneuerung der Welt. Es kann nur tiefe Befriedigung auslösen, daß neben den vielen hetzerischen Gründungen, die Parteien und Konfessionen auseinanderreißeri wollen, eine ganze Anzahl von Vereinigungen sich gebildet haben, die eine sittliche und geistige Erneuerung anstreben. Außer der Liga für Völkerbund sei hier der „Bund der Erneuerung" genannt, in dem sich eine Reibe namhafter Männer und Frauen zusammengeian haben. In einem Aufruf „Sittliche Diktatur"•) wendet sieb Karl Scheffler an alle Volksgenossen, um zur Hebung des Vaterlandes eine sittliche Lebensführung in allen Berufen unter Vermeidung alles Trennenden herbei zuführen. Ähnliche Zwecke verfolgt der Volkskraftbund unter Führung des bekannten Schriftstellers Dr. Bruno W ille. Er bat praktische Betätigung bewiesen, indem ätfern gegen den Antisemitismus einer kleinen Schrift „Deutscher - Aulerungen nicht jüdischer er Auslassungen bekannter Persönlichkeiten veröffentlicht, die zu einem nicht geringen Teile erfrischende Vorurteilslosigkeit erweisen. Es ist — im Gegensatz zu früheren Zeiten — bemerkenswert, daß gerade bei diesen letzteren eine ganze Reihe von Geistlichen beider christlicher Konfessionen beteiligt sind. Ein Berliner Pastor — Franke, an der Heil. Kreuzkirche — bekennt, dal! die Juden mit mancher „Aufklärung" einen Dienst erwiesen hätten, den nur starrsinnige Befangenheit anzuerkennen sich slräubt „Die Juden haben uns in der Tat kritisch gestimmt gegen unsere gewohnheitsmäßige Überschätzung der Vergangenheit. Sie haben uns die Augen geöffnet für die Frage: War denn das Leben, beispielsweise des er tausende vonFIugb herausgehen ließ. In Geist und Judenhaß ) Zeitgenossen — ha: . - 92 — Vossistne Zeitunk vom 3. Juli 1920, als Schrift unter gleichem Titel herausgegeben vom Deutschen Werkbund (Deutsche Verlags anstalt Stuttgart).' *) Kulturverlag Berlin W. 30 — 1920.