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Bericht der Großloge für Deutschland · 1920-03-01 · Nr. 2 - März · p. Seite 23

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1920
Issue
Nr. 2 - März
Date
1920-03-01
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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I leiten halfen in die Methoden moderner Wohlfahrtspflege. Er war sich vollkommen darüber klar: MassenausWanderungen und Massenbeschulungen kann man nicht in dfej Wege leiten durch die Gabe von Hand zu Hand. So bat denn wohl keine der großen jüdischen Hilfsorganisationen (neben ao vielen kleine i Vereinen) seines Rates entbehrt, mochte sie' ihn In ibre Verwaltung berufen oder nicht. Nichtsdestoweniger sab Horovilz deutlich die ungeheure Gefahr, die infolge der Umgestaltung der alten herzlichen Wohltätigkeit in ein bürokratisches Getriebe dem Beschenkten und noch mehr dem Schenkenden drohte. Es ist die Gefahr, die Ibsen treffend gekennzeichnet hat in 'der Schilderung des Vogtes Im „Brand', der in mechanischer Pflichterfüllung die einzelnen .Fälle-' abfertigt. Gegen diese Seelenloslgkeit wendete sich Horovitz mit aller Leidenschaft. Gerade In der Loge schärfte er immer wieder ein, daß ei nicht genügen dürfe, Mitglied eines Vereins zur Förderung des Handwerkes zu sein; man müsse vielmehr selbst dem jüdischen Handwerker zu arbeiten geben, — wie er es persönlich stets getan hat Und jeder wußte, wie Horovitz bei einer Tagung des interkonfessionellen Sittlichkeitsvereins den Versammelten die Frage vorlegte, ob denn niemand von ihnen durch eigenen Lebenswandel und Versäumnis in de - Erziehung der Kinder Mitschuld trage an dem Sumpfe, auf dessen Austrocknung man so viel Qeld und schöne Reden verwendete. So forderte er die Hingabe der ganzen Seele an die Arbeit für das Gemeinwohl, die Innigkeit altjüdischen Wohltuns in den technischen Formen moderner Wohlfahrtspflege. Ebenso aber, wie Herz und Kopf bei dem Philanthropen Horovitz zusammenwirkten, so woben sieb Schärfe des Blickes und Weichheit dea Gemütes zusammen zu einer Bruderliebe von wundervolle . Eigenart. „Men hat dich", so rief sein Sohn In einer schmerzdurchbebten, aber äußerst fein geschliffenen Gedächtnisrede ihm nach, „man bat dich einen Optimisten genannt. Acta, du hast mit deinem durchdringenden Verstände die Schwächen der Menseben schneller und klare und besser gesehen als andere. Aber während viele die Kraft ihres Ödstes darauf richten die Fehler zu stieben und zu finden, hast du mit deinem reinen Gern it überall nach den Vorzügen Umschau gehalten, sie oft auch denen zum Bewußtsein gebracht, die selb« nichts mehr von ihnen wußten". Dazu aber kam > dn anderes. Die Neigung, den Splitter im fremden Auge zu sehen, entspringt sehr häufig dem Verdacht, daß das eigene Auge den Bück des Betrachters zu scheuen hat; wir verkleinern oft, wdl wir unser selbst nicht ganz lieber sind und nicht kielner dastehen wollen als andere. Vor solcher Versuchung war nun aber Horovilz geschützt durch seinen Stolz, einen edlen, echten Stolz, wie ich Ihn In solcher Ausprägung kaum je gefunden habe. Ein Vorsteher seiner Gemeinde glaubte ihm eine besondere Freude bereiten zu können durch die Nachricht, daß seine Stellung in eine lebenslängliche umgewandelt sei; Horovitz zeigte sich nicht sonderlich erfreut und bemerkte auf die Frage des Vorstebers, solange die Gemeinde mit seiner Tätigkdt zufrieden sei, bedürfe es wobl der vertraglichen Bestimmung nicht; und wenn man ihn etwa jemals nicht mehr gern auf der Kanzel sähe — so werde er sich nie auf seinen Schein berufen. So konnte das Oberhaupt einer zahlreichen Familie nur sprechen in dem Bewußtsein, daß die Gemeinde, die Ihn anstellte, ihm keinen größeren Gefallen tat, all er ihr. Aber jaus diesem Stolze erwuchs denn keineswegs ein herrischer Zug, vielmehr schien gerade aus seiner Selbsisicherheit eine wunderbare Anspruchslosigkeit und Liebenswürdigkeit hervorzugehen; er war das getreue Abbild des Gottes der Bibel, dem nac 1 einein tiefen Worte des Talmud überall da, wo seine überragende Erhabenadt gefeiert wird, zugleich seine liebende Herablassung zu den . Niedersten, Gebeugten nachgerühmt wird.' Gerade wdl er sich sdnes Wertes bewußt war, verschmähte er jeden Versuch, sich durch künstliche Mitte! oder auf Kosten anderer zur Geltung zu bringen, die Fülle seiner Kenntnisse eitd zu zeigen, die scharte Waffe sdnes Ödstes gegen minder Bewehrte unritterlich zu gebrauchen; ironisch war er nie, humorvoll sprach er, in der Loge wenigstens, fast immer; selten leitete er die Irrtümer, die er widerlegen wollte, aus ernsten Denkfehlern oder starker Unwissenheit ab, gern aus leisen menschlichen Schwächen und konnte so umstimmen, ohne zu kränken. So führte er neben dem Messer des Arztes den blutstillenden Balsam bei sich, wie man ihm nachgerühmt bat; so hatte seine Größe etwas Imponierendes, aber nichts Niederdrückendes; von diesem angeblichen Diplomaten . (der freilich - immer klug zu reden und — klug zu schwelgen wußte) schien dne wunderbare Flnt von Wärme aus-" zugehen und um ihn her eine Atmosphäre des Verstehens und der Harmonie zu verbreiten, — wdl er gütig genug I war, die Fehler der Menschen — und groß genug, Ihre Vorzüge' zu ertragen.

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