Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1919
- Issue
- Nr. 11/12 - Oktober
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der ältesten Zeit unseres Ordens. Von Br. Prof. Dr. M. Brann- Breslau. Im Bereich der exakten Wissenschaften ist das Objekt, das uns vorliegt, von ausschlaggebender Bedeutung. Der Naturwissenschaftler kann sich garnicht genug daran tun, den Gegenstand so, wie er ist, nach allen Richtungen hin zu prüfen und zu untersuchen. Den Geisteswissenschaftler dagegen interessiert an jeder Zeiterscheinung zunächst die Frage, wie sie gel worden ist, und durch welche politischen, religiösen und gesellschaftlichen Einflüsse sie sich entwickelt hat. Es wird darum auch einen gewissen Wert haben, einen Blick auf die. eigenartigen Verhältnisse zu werfen, aus denen eine Erscheinung, wie die jüdische Ordensbewegung, mit einem gewissen Maße, von Notwendigkeit hat hervorgehen müssen. Von dem Morgenrot bürgerlicher und staatsbürgerlicher Freiheit waren die ersten anderthalb Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. für die europäische Judenheit bestrahlt. Die französische Staatsumwälzung hatte ihre Sklavenketten zerbrochen, den künstlichen Aufbau des mittelalterlichen Staates, der dieGleichheit des Glaubens zur Voraussetzung für den Genuß der bürgerlichen Freiheit machte, von Grund auf zerstört und in unserm deutschen Vaterlande die ehemaligen Kammerknechte des heiligen römisehen Reiches deutscher Nation in Staatsbürger jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung verwandelt. Dem Aufschwung der Gefühle entsprachen die glorreichen Taten unserer Glaubensbrüder in den Freiheitskriegen. : Umso entsetzlicher war der Rückschlag, der sogleich danach eintrat, als der Kaiser von Oesterreich, der König von Preußen und der Kaiser aller Reußen den „Heiligen Bund " schlössen,'dessen oberster Grundsatz die Geltendmachung des Christentums in allen staatlichen Beziehungen war, und dessen Leitsätze jahrzehntelang von bestimmendem Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten Europas'blieben. Den deutschen Juden brachte er auf Schritt und Trjitt Beschränkung der erworbenen und endlose Hinausschiebung der ihnen für die Zukunft feierlich zugesagten Rechte. Denn' die ihnen verliehene Freiheit mußte mit der Förderung des Christentums, das als das höchste Prinzip der öffentlichen Wohlfahrt erklärt werden wjny in Einklang gebracht werden oder gar 'ihm mittelbar oder unmittelbar zur Stütze dienen. Hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis für die Einschränkung der wichtigsten Bestimmungen des Edikts vom 11. März 1812 in Preußen. Jetzt versteht man, daß zahlreiche nach Aemtera und Ehrenstellen heißhungrige Jünglinge mit einer Lüge auf den Lippen, freilich hin und wieder mit tiefem Schmerz in der Brust, sich zum Taufbecken drängten, und daß andere, die mutig und unverzagt durchaus der alten Fahne treu bleiben wollten, der Enge der heimatlichen Verhältnisse zu entfliehen und sich jenseits des Ozeans in der neuen Welt ein menschenwürdigeres Dasein zu begründen suchten. -„ Schon die Ueberfahrt allein nahm-vor einem Jahrhundert eine große Summe von Mühe, Tatkraft und Opferfreudigkeit in Anspruch, zumal dfe Auswanderer zum überwiegend größten Teil der untersten gesellschaftlichen Schicht des deutschen Judentums angehörten. New York war nahezu der einzige Einfuhrhafen der heuen .Welt. Wer nur acht Wochen zu reisen hatte, durfte sich glücklich preisen. Im Durchschnitt war das Segelschiff etwa zehn bis zwölf Wochen auf hoher See