Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1919
- Issue
- Nr. 9/10 - August/September
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 99 (sequence 5)
- Language
- German
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I - I . I ' I I ■ zwei Länder: das Aus- und E i n wandtrungsland; in der Regel sogar drei: das D ur c b wandenmgsland. Daß diesem inneren Zusammenhang des Problems bis jetzt nicht die genüg-nde Beachtung geschenkt worden ist, mag vornehmlich davon herrühren, daß die charitative Tätigkeit auf diesem Gebiete sich zumeist in Teilprozessen zu erschöpfen pflegte. Was in der Wanderung bisher geschehen ist,'- betraf Im Grunde vorzüglich die Durch Wanderung. Stellten Scharen sich ein, die ihre Wohnstätten verlassen und sich in einem anderen Lande neu ansiedeln wollten, so wurden sie in ihrem Vorhaben insoweit unterstützt, als für ihre Verpflegung, teilweise auch für ihre Bekleidung, bisweilen selbst für ihre sonstige Ausrüstung gesorgt und ihnen die Ueberfahrt in das in Aussicht genommene Gebiet ermöglicht oder doch wesentlich erleichtert wurde. Und wer wollte leugnen, daß in dieser Beziehung enormes, ja geradezu überwältigendes geleistet worden ist? Genügt es doch darauf hinzuweisen, daß in den 30 Jahren von 1881—1911 mehr als 2.300000 Juden, also über 18% der gesamten Judenheit» darunter allein 1.710000 Juden aus Rußland, was 28,28% der dortigen jüdischen Bevölkerung ausmachte, ausgewandert sind! Erwähnenswert ist dabei noch besonders, daß nahezu 2 Millionen von diesen Auswanderern den Weg nach Amerika genommen haben. Allein gerade diese erschreckend hohen Zahlen, zudem die Tatsache, daß es namentlich Amerika war, das die Massen als Zufluchtsstätte ausgesucht hatten, so daß wir jetzt auch in der neuen Welt schon eine „jüdische Frage" haben, lassen das Bedenken nicht ganz unterdrücken, .ob die angewandte Methode wirklich die einzig richtige war. Unzweifelhaft: die Maigese'ze im Jahre 1882, die für den „Ansiedlungsrayon" auf den die Juden in Rußland seit 1791 beschränkt waren, starke Einschnürungen brachten, vor allem das Wobnrecht der Juden auf dem Lande, selbst innerhalb des Siedlungsrayons, außerordentlich stark beschnitten und dadurch eine so gewaltige Zusammendrängung großer jüdischer Proletariermassen in den Städten bedingten, daß dem einzelnen für Irgendwelche konkurrenzfähige gewerbliche Betätigung kaum noch Raum blieb, dann die um jene Zeit einsetzenden, in der Folge kaum je ganz aufhörenden Pogrome hatten eine Atmosphäre geschaffen, in deren Dunstkreis die schleunige Flucht als der alleinige reitende Ausweg erscheinen mußte. Wie sehr danach die Wanderstirnmung psychologisch begreiflich ist, bleibt doch die Frage eilen, ob sie im Einzelfall auch objektiv berechtigt war. Vollends der fast einheitlich verlaufene Zustrom nach Amerika mußte zu der Erwägung führen, ob Abflüsse und Kanäle nach anderen Landern nicht im Interesse der Gesamtjudenheit wie der Aus-' wanderer selbst weit zweckdienlicher wären. Diesen beiden Momenten aber wird jetzt erst recht unsere Aufmerkramkeit zu pellen haben. Die Wahnsinns-, taten der Polen, mit denen verglichen, die früheren russischen Pogromesich nur als Kinderspiel bezeichnen lassen, der wirtschafdiche Zusammenbruch Rußlands, aus dem ein Ausweg noch garnicht abzusehen ist, haben in weitesten Schichten der osteuropäischen Judenbeit jene Gemütsverfassung erzeugt, die jedes wie auch geartete Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzieht Ein Massenexodus, wie ihn die Jüdische Geschichte noch nicht gekannt hat,'wird die unmittelbare Folge davon sein. Aber wohin, nachdem jn Arrerika eine ständig wachsende fremdeneindliche Sb ömung'eingesetzt hat, die bereits dabin geführt hat, daß man mittels Gesetz (wenn auch zunächst für vier Jahre) die Einwanderung zu verbieten trachtet? Es wird demgemäß darauf ankommen, einerseits den Drang zum Auswandern, vornehmlich . na ürlicb durch Beschaffung besserer Existenzmöglichkeiten, nach Kräften zu zügeln und zurückzukämmen, andererseits, soweit sich dies nicht durchführen läßt die Auswanderer n Gebiete .zu leiten, die menscbicher Voraussicht nach ihnen am ehesten geeignete Lebens- und Be'ätigungsbedingungen zu gewährleisten scheinen. Diese Aufgabe zu erfüllen, vermag nur eine Organisation, die internationalen Charakter trägt, überall ihre Vertreter und Vertrauensmänner besi'zi, mit Land und Leuten vertraut ist und an Ort und Stelle die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse studieren kann. Derlei haben wir Juden nicht viel in der Welt aufzuweisen. Abgesehen.vom Zionismus, der zudem dadurch, daß die Schwerkraft seiner Tätigkeit in Palästina Hegt,' naturgemäß den anderen) Gebieten nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuwenden kann, erscheint mir vor allem der Bnef- Briss-Orden dazu berufen, sich dieser unendlich schwierigen, aber ebenso unendlich wichtigen Frage zu widmen- Hierbei käme der Umstand besonders zu statten, daß der Orden Rückgrat und Schwerpunkt in Amerika besitzt, wo ja augenblicklich vor allem das Schicksal der Juden bestimmt wird: Die bisherigen Ausführungen nehmen im Grunde auf den Orden sls nn i v er sal -~j üdiäc'h-e Organisation Be?ug. Ich möchte daher zum Schluß noch mit einigen Worten einen Punkt he-