Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1919
- Issue
- Nr. 9/10 - August/September
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 97 (sequence 3)
- Language
- German
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dürftig zu bellen, und keine politische Bedenklichkeit sollte uns daran hindern. Wer an den sittlichen Fundamenten der Welt arbeitet, hat keine Macht der Erde zu scheuen; er arbeitet mit Gott. ■i Erst dem Bekenntnis der Wahrheit und dem wiederhergestellten Recht entsteigt der Friede. Wenn der Unterlegene ihn heute preist, so will das nicht viel besagen j aber wir Juden dürfen für uns in Anspruch nehmen, daß er uns immer hehr und heilig war. Die landläufigen Kriegstheorien fanden bei uns keine- Fürsprecher. Und dennoch haben wir den Frieden noch, lange nicht genug geehrt Wir achteten seine Widersacher zu gering, wir hielten ihn für den natürlichen Zustand der Gejellschaft, well er der uns gemäße war. Wir sähen nicht, daß er morsch und brüchig war, well wir uns' mit getrübter Wahrheit abfanden und gekränktem Recht nicht aufzuhelfen wußten. Jetzt leuchtet über der Trümmerstätte des Weltkrieges das Gestirn eines neuen Friedens. Es könnte fast scheinen, als ob auch der Friede gegen uns Partei genommen hätte, weil - er seine Segnungen drüben verschwenderisch, hüben nur widerwillig ausstreut. Die schwere Nachkriegszeit läßt die Freude nicht aufkommen, die wie mit einem Zauberstabe alle Herzen erwecken müßte. Die Verzögerung seiner Inkraftsetzung in den Ländern unsrer Hauptgegner führt uns noch täglich zu Bewußtsein, daß der Besiegte des Friedens dringender bedarf, als der Sieger. Aber jede Stunde, die uns vom letzten Kriegstag weiter entfernt, führt dem Frieden stille Kräfte zu, und kommt dem Ueberwundenen zugute, mag der Gegner es ihm auch neiden. Und seine Macht wächst täglich. Es gibt kein Volk, das in diesem Weltkrieg gekämpft, das den Frieden nicht nötig hätte, und ihn gegen zögernde Diplomaten nicht fordern wird. Oder hätte der Siegestaumel sie alle um die Erkenntnis gebracht, daß die ganze menschliche Oesellschaft auf jenen drei Dingen ruht, von denen am unentbehrlichsten „scholaum" — der Friede ist? Mit stolzer Oenugtung darf es uns Deutsche erfüllen, daß nicht lange nach dem letzten Kanonenschuß, mitten unter den Leiden der Nachkriegszeit, unser Volk sich eine Verfassung gegeben hat, die „dem Inneren und äußeren Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern" bestimmt ist So heißt es in der Präambel unserer neuen Reichs Verfassung, und diese selbst bat in sachverständigen, amerikanischen Kreisen die erste wohlverdiente Anerkennung gefunden. Wir haben es. mit Entsetzen erlebt, wie das Kriegsfeuer über Länder, Meere und Erdteile flog. Fortan darf und wird der Friede seine lockende und werbende Stimme erheben; und wenn nicht alles trügt, wird sie eine nie geahnte Macht ausüben. Im Geiste des Judentums waren wir immer Sich-. Verwalter des Friedens, vorausgesetzt, da ß er auf Wahrheit und Recht gegründet war. Weil wir glaubten, daß Wahrheit und Recht auf unsrer Seite stünden, haben wir den Krieg ertragen, und In ihm unsre vaterländisch e P f I i c h t bi S z u I e t z t er f üIi f. Die Menschheit schickt sich an, Krieg überhaupt aus. der sittlichen Welt zu verbannen, ihn zu einem aussichtslosen Abenteuer und zuletzt zur Legende zu machen. Das Judentum sieht eines seiner Ideale mitten in die politische Diskussion auf der gesamten Erde gerückt. Zu gleicher Zeit ringt in unsrer Gemeinschaft der Gedanke einer neuen, jüdisch-nationalen Existenz im Lande der Väter um Anerkennung. Unsre Logen sind Tempel der Eintracht. Von ihrer hoben Warte aus haben wir auch diesem Streben vojles Verständnis entgegenzubringen, da es die Werkzeuge, des Krieges von sich weist, und nur mit den Waffen' des Geistes sich auswirken will. Dem Juden Frieden zu geben in der Welt und mit der Welt, ist ja das Ziel aller Richtungen im Judentum. Die Wege dazu sind für uns alle mit Trümmern und Blöcken übersät , Laßt uns einig . sein; widme ein jeder seine Kraft dem Friedenswerk nach seiner reinen Ueberzeugung, aber unter brüderlicher Gesinnung gegen seinen jüdischen, wie gegen jeden Nebenmenschen. Der Friedenstrunk, der uns gereicht ist ist kein schäumender Glut wein; er mundet eher wie Arznei. Aber wir werden uns an ihm gesund trinken; will's Gott, schon im kommenden Jahre. '•: "• ■"'. < i "> . ' " Zum Neujahrstage sprechen wir diesmal nur kurz, nachdem wir in unserem „Aufruf an die Logen des VIII. Distriktes" angesichts der gegenwärtigen Lage unsere Mahnungen, Hoffnungen und, Wünsche kundgetan haben, unsere herzlichsten Wünsche für unsere Logen und Brüder aus. Möge das neue Jahr ein Jahr des Segens werden. Möge in ihm der so sehnlich erwartete Aufstieg beginnen! I üroßloge für Deutschland VIII. U. 0. B. B. Timendorfer Ooldschmidt