Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1918
- Issue
- Nr. 4 - Mai
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Titel und Würden, alle sozialen und pekuniären Unterschiede draussen gelassen haben, einzig und allein nur Brüder. Wie anders ist es in den Frauenvereinen, wenn sie Oberhaupt zu Arbeiten und nicht nur zu geselligen Veranstaltungen zusammentreten! In Zirkeln abgegrenzt sitzt der Vorstand an seinem Tische, sitzen die Kränzchen und Freundschaften zusammen, und wehe der Vermessenen, die es wagen wollte, ohne Aufforderung an einem dieser Tische Platz zu nehmen; ein eisiges und energisches „besczl" schallt ihr entgegen. Wehe auch der neu aufgenommenen Schwester, die es verabsäumt, an einen dieser kleineren Kreise Anschluss zu suchen; einsam fühlt sie sich im Schwesternverein, Schwesternliebe, die sie erwartet, findet sie nicht, mit höflichen, aber nicht erwärmenden, nicht von Herzen kommenden und nicht zu Herzen gehenden Formen wird sie behandelt, und es gehört schon ein hoher Grad von Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung dazu, um allmählich in diesem fremden Kreise Fuss zu fassen. Oftmals wird die .neueingeführte Schwester, wenn sie die Erfahrung der Vereinsamung ein zweites oder drittes Mal macht, von der Schwestern Vereinigung fern bleiben, und auf diese Weise sind unseren Frauen vereinen sicher schon viele wertvolle Kräfte, die sich nach schwesterlicher Betätigung gesehnt haben, verloren gegangen. Natürlich haben die einzelnen Schwestern, aus denen sich die Zirkel zusammensetzen, gemeinsame Interessen. Man darf nicht so weit gehen anzunehmen, daß AeuBerlichkeiten wie etwa soziale Gleichstellung die Schwestern zu der Bildung bestimmter Zirkel veranlassen; es werden immer nur persönliche Beziehungen sein, welche in unseren BneBris5-Logen die einzelnen Schwestern zu einem engeren Kreise verbinden werden; aber naturgemäß grenzen sich die'Interessen auch dieser Zirkel gegen einander ab, und an die Stelle der einheitlichen großen Idee der Schwesternloge tritt eine Vereinigung von zwar zusammen gehörenden, aber doch ziemlich scharf gegen einander abgesetzten kleineren Gruppen. Zwischen diesen Gruppen muß es zuweilen Meinungsverschiedenheiten, Reibungsmöglichkeiten geben, und sind diese erst vorhanden, dann ist es aus mit der Eintracht, dann ist es aus mit der Schwesternliebe, dann gibt es im besten Falle noch einen Frauenverein, der die Tranen Bedürftiger trocknen, aber, nicht die Herzen der Schwestern erwärmen, in ihnen nicht mehr den hehren Ordensgedanken pflegen kann. Deshalb fort mit den Kränzchen und Freundschaften, mit den Interessengemeinschaften und Verwandtentischen aus der Loge; für sie ist außerhalb der Loge Zeit und Platz. In der Schwesternvereinigung' sollen sich alle Schwestern als gleiche Teile des einen Ganzen, als gleiche Bausteine im Tempel der Nächstenliebe, im Heiligtum der Loge fühlen. So ist es bei uns Brüdern, und so kann und muß es bei unseren! Schwestern werden, wenn erst jede von ihnen das Gefühl hat, daß sie als Schwester an den Aufgaben, welche die Schwestervereinigung stellt, nicht mehr und nicht weniger alt jede andere mitzuarbeiten bat, daß sie nicht weniger, aber auch nicht mehr gilt als jede andere Schwester, daß alle in gleicher Weise ihre Schwesterpflichten und ihre Schwesterrechte haben. Dieses demokratische Gefahl der Gleichheit läßt sich allerdings nicht mit einem Schlage schaffen, es muß allmählich herangebildet werden. So sehr man über den Wert! der reinen Arbeitsloge streiten kann,"- in der die laufenden Geschäfte der Loge besprochen werden, notwendig ist sie sowohl für.die Brüder wie für die Schwestern, um in ihnen das Gefühl zu festigen, daß sie mitzuraten und mitzutaten haben an dem Wohle der Loge, daß nicht besondere Beziehungen oder Titel oder Vermögen zu den leitenden Stellen in der Loge führen, daß freie Bahn den Tüchtigen gewährleistet ist Einen nicht geringen und häufig unterschätzten Wert hat meiner Ueberzeugung nach das Rituale des Ordens. Sowie eine Brücke geschlagen ist zwischen einander ganz Unbekannten, die im fremden Lande sich zufällig, in der deutschen Muttersprache anreden, wie ganz unwillkürlich eine innige Verbindung, hergestellt ist zwischen Juden, von denen der eine die Sprache des andern nicht versteht, wenn er nur von den Lippen des andern das Schma Jisroel hört, so ist ein noch weit engerer Zusammenhang geschaffen zwischen Brüdern, die sich nie gesehen haben, wenn sie sich als Brüder zu erkennen geben. Du Rituale ist ein mächtiges Bindemittel, denn es ist international; es verbindet alle Brüder in der ganzen zivilisierten Welt zu einer Familie. Das Rituale ist aber auch das Geheimnis für die ladellose Innehaltung der Disziplin, die erforderlich ist, um unter allen Umständen die Eintracht zu gewährleisten, und deshalb müßten wir das Rituale, wenn wir es nicht hätten, schaffen. Ob nicht die Schaffung eines besonderen Rituals für unsere Frauenlogen in Erwägung zu ziehen wäre, — 57 —