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Bericht der Großloge für Deutschland · 1917-09-01 · Nr. 8 - September · p. Seite 112

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1917
Issue
Nr. 8 - September
Date
1917-09-01
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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Ein mir nahestehender Feldgrauer, dem ich die vom Verbände der deutschen Juden hei ausgegebene Feldbibel gesandt hatte, schrieb mir: „leb habe mit Entzücken und hohem Stolz wieder und wieder die von wahrer Humanität durchtränkten goldenen Worte des 3. Brich Moses (S. 116/7, 164/5), die Sprüche Salomos, IKoheleth etc. gelesen. Ich sage: mit hohem Stol^ Denn wiewohl das sogenannte Nationalgefühl kein Organ bei mir findet, muß ich doch sagen,: Ein Volk, aus dessen Mitte das Wort hervorgegangen ist: „Auch den Armen begünstige nicht j in seiner Streitsache," kann den Anspruch darauf erheben, daß die, die, ihm angehören, stolz auf diese Zugehörigkeit sind____Wie stark muß das Organ für GertchVgkeit bei diesem Volke als vorhanden vorausgesetzt worden sein, daß man das Mitleid, diese schöne menschliche Eigenschaft, in seine Schranken glaubte zurückweisen zu müssen: denn über allem thront das hehre Ideal der Oerechtigkeitsliebe. Es ist ja wohl auch kein Zufall, daß im Hebräischen das Wort für „Frömmigkeit" und „Gerechtigkeit" ein und dasselbe ist!" Er hätte noch hinzufügen können, daß auch das Wort für „Wohltätigkeit", Z'dokoh, demselben Stamme angehört. So haben wir wiederum ein prächtiges Beispiel — und das ist für unsere Betrachtung nicht Ohne Bedeutung — wie sich in der hebräischen Sprache der Geist und die Seele des Volkes in der Verdichtung, Verschmelzung so an sich Verschiedener Begriffe' in ein einziges Wort ausprägt. In solchem Sinne fordern wir die unbedingte Gerechtigkeit für uns. Wir wollen nicht besondere Rechte für uns, wir wollen das Recht Wir haben keine anderen Interessen, wir wollen durch nichts von unseren andersgläubigen Volksgenossen unterschieden sein als durch unsere Religion, der wir die Treue bewahren, wie es unsere Väter getan haben, und' deren Schild rein und fleckenlos ist. Ob und welche Kämpfe wir noch zu bestehen haben werden, um die wirkliche, nicht die papierne Gleichberechtigung zu erlangen, das ist im Schöße der-Zukunft verborgen'. Aber wir müsse* gerüstet sein. Die großen, gewaltigen Ereignisse, die wir seit drei Jahren erleben, haben auch nach allen Seiten an das besondere Schicksal -der Juden gerühiti Als die deutschen und österreichischen Heere siegreich die Grenze Pölert überschritten, wandten sich irire Führer mit Proklamationen an die Juden des. Landes in dem von ihnen gesprochenen Idiom und kündigten sich als ihre Befreier von dem Joche, unter dem si$ seufzten, an und versprachen ihnen volle Gleichberechtigung' mit der übrigen Bevölkerung. Abgesehen von Amerika, das irregeführt und betört sieb leider zu unseren Feinden geschlagen hat, sind in der Schweiz und anderen neutralen Ländern große Bewegungen entstanden, deren Ziel die Erkämpfung der Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern der Erde isL Wir deutschen Juden erwarten freilich nichts von außen und wollen es auch nicht. Wir sind auf uns gestellt und werden, wenn nötig, weiter unverdrossen kämpfen für die Gerechtigkeit, die wir vor allem im Vaterlande fordern. Aber kein Einsichtiger im deutschen Reich kann sich verhehlen, daß es nach dem. Kriege mehr als je gelten wird, moralische Eroberungen zu machen, daß diese jedoch ausbleiben müssen, wenn nicht das Unrecht beseitigt wird, wenn einem Teil der Bevölkerung, der an der Kultur des Vaterlandes, wahrlich nicht ohne Erfolg, mitarbeitet, an allen geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften teilhat, lediglich des Religionsbekenntnisses wegen das Recht verkümmert wird. Der Staat darf sich nicht länger 'seiner hohen ethischen Aufgaben entkleiden, darf sich nicht weiter so erniedrigen, daß er die Treue gegen den Väterglauben mit Zurücksetzung bestraft, dagegen die Untreue und den Abfall belohnt, indem er ihnen die Tore zu seinen Aemtern öffnet, die jener verschlossen bleiben. Und einen ähnlichen Appell haben wir an die Gesellschaft zu richten. Allein uns deutschen Juden kamt auch das Schicksal unserer Glaubensgenossen in den anderen Ländern nicht gleichgültig sein, so wenig wie den Protestanten das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in der Diaspora. Wir haben daran nicht bloß ein gefühlsmäßiges, sondern auch ein soziales Interesse. Und so wünschen wir, daß der Frieden, den wir von dem neuen Jahre ersehnen, auch die sichere Bürgschaft für die volle Gleichberechtigung der Juden aller . wir an Länder in sich schließe. Unter den besonderen Forderungen, die die verheißene Neuorientierung im Vaterlande stellen müssen, steht meiner Meinung nach obenan die wirkliche paritätische Schule, und dieser Fordierung seien zum Schluß noch einige Worte gewidmet. Denn wer hätte nicht an grundsätzlichen Schulfragen mehr oder weniger großes Interesse! Nichts kann das friedliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten aller Teile der Nation so fest begründen als die Schule, die Pflanzstätte der Jugend, aus der ihre Seele .die Eindrücke empfängt, die sie ins Leben -uz.

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